„Für uns Kinder war die Armut kein Problem“
Im Jahr 1945 wurden wir aus dem deutschsprachigen Jugoslawien vertrieben. Ich war damals elf Monate alt und kam mit meinem Großvater, meiner Mutter und meinen beiden Schwestern über Umwege mit Pferd und Wagen nach Wagna ins Lager. Dort verbrachte ich meine Kindheit bis etwa 1955, als das Lager schließlich abgerissen wurde.
Das Barackenlager, zu Beginn noch sehr primitiv, beherbergte mehrere Familien in einer Baracke. Gemeinsam mit meinen beiden Schwestern, meiner Mutter und meinem Großvater lebte ich hier, während mein Vater noch im Krieg und meine Großmutter bereits verstorben war.
Das Lagerleben war für die Älteren nicht leicht, weil man nicht viele hatte und es in den dünnwandigen Baracken sehr armselig und komfortlos war. Auch Privatsphäre gab es keine. Im Laufe der Jahre verbesserte sich die Situation leicht, als die Wände verkleidet und das Lager etwas verschönert wurde. Die älteren Menschen waren dennoch sehr traurig, da sie die Hoffnung auf eine Rückkehr ins Heimatland aufgegeben hatten. Zwar sind später viele nach Deutschland, Amerika oder Kanada ausgewandert, aber eine Rückkehr in die Heimat war für die meisten nicht mehr möglich.
Ich erinnere mich, dass die Unterstützungen für uns Kinder nicht unbedeutend waren. Amerikanische Hilfsvereine, die international tätig waren, verteilten Hilfspakete mit gebrauchten Sachen an die Lagerbevölkerung. Das waren Pakete mit Altgewand, die für uns schon eine große eine Erleichterung darstellten, weil wir uns leider nichts leisten konnten.
Für uns Kinder war die Armut kein Problem. Zwar fehlten uns Mittel für Spielzeug, aber wenn sich einige Kinder trafen, war immer etwas los. Im Lager mit seinen 60 bis 70 Baracken gab es genug Kinder. Wir traten einfach vor die Baracke und unternahmen gemeinsam etwas. Es wurden Gesellschaftsspiele gespielt, Verstecken, Abfangen, Trittbrettfahren, Völkerball und so weiter. Besonders gut habe ich in Erinnerung, dass unser Großvater einen Schlitten selbst baute, mit dem wir bei der Stani-Grube, heute das Straßenbauamt, herunterfuhren – einer der beliebtesten Abfahrtsläufe, wo immer viele Kinder zusammenkamen. Aber auch Müllgruben wurden genutzt, um die Hügel hinunterzurutschen. Im Silberwald spielten wir oft. Dort gab es verschiedene Tümpel und zugefrorene Buchten. Die Kinder spielten dort mit Blechdosen und einem Ast Eishockey oder liefen Schlittschuh. Natürlich hatte nicht jeder richtige Eislaufschuhe, wie man sie heute kennt. Wir montierten uns sozusagen eine Vorrichtung auf die Schuhe. Das war jedoch nicht so einfach, weil die meisten von uns Gummistiefel trugen. Dennoch meisterten wir es irgendwie. In der Baracke, in der wir lebten, gab es einen Jungen, dessen Mutter Gemüseverkäuferin war und die etwas Geld hatten. Dieser Junge hatte sogar Skier. Gemeinsam mit mehreren Jungen gingen wir bis zum Sulmwirt, liefen den Obstgarten hinauf und fuhren dann mit den Skiern von oben bis zur Straße hinunter. Jeder durfte einmal fahren, so teilten wir uns das.
Im Lager spielten wir auch Verstecken, Abfangen und Völkerball. Oder wir bastelten selbst etwas zum Spielen. Beispielsweise bauten wir Autos aus Konservendosen und hölzernen Zwirnspulen, die wir an eine Schnur banden – das war unser Autospielzeug. Fußballspielen war besonders interessant für die Jungen. Ich war Mitglied bei der Flavia Jugend, deren Sportplatz sich damals noch dort befand, wo heute der Spitalspark ist. Im Lager gab es verschiedene Gruppen, darunter Gesangs- und Theatergruppen. Die Mädchen sangen gerne zusammen und wenn ich vorbeikam, nahmen sie mich sofort in Beschlag, weil sie wussten, dass ich gut singen konnte. So durfte ich immer bei den Mädchen mitsingen, was sehr lustig war. Die Jugend spielte auch gerne Theater. Bei einem Weihnachtsspiel durfte ich sogar mit der Mundharmonika mitspielen. Es gab auch eine Pfadfindergruppe, eine Jungschargruppe und so weiter.
An die Kindergartenzeit kann ich mich kaum erinnern. Die Schule besuchte ich bis zur vierten Klasse im Lager, bevor es aufgelöst wurde und alles nach Leibnitz verlegt wurde. Es war immer amüsant, wenn ein Schüler mit einer Glocke um den Block laufen durfte, um den Schulbeginn oder die Pause anzukündigen. Im Lager gab es auch einen Schülerhort, wo man nachmittags die Aufgaben erledigen konnte. Danach waren wir sofort am Sportplatz und spielten mit einem Fetzenball oder etwas Ähnlichem.
Ich erinnere mich auch daran, dass es im Lager ein Krankenhaus, ein Altersheim, eine Großküche (die Lagerküche), eine Kirche, zwei Schulbaracken, eine große Kanzlei mit Verwaltung und eine große Garage gab. Später wurde sogar ein Bad für die Allgemeinheit eingerichtet. Es hatte mehrere Kabinen und am Wochenende zahlte man einen oder zwei Schillinge, um heiß zu duschen – etwas, das sonst nicht möglich gewesen wäre. Später kamen sogar Auswärtige, Leute vom Dorf und so weiter, weil sie oft kein eigenes Bad hatten und sich dort mit heißem Wasser richtig baden konnten. Das war eine bedeutende Errungenschaft.
So ging das Leben im Lager weiter, bis es in den späten 50er Jahren aufgelöst wurde. In meiner Jugend begann ich eine Bäckerausbildung und blieb schließlich in Wagna. Die Baracken wurden abgerissen und es wurden Wohnungen für die ehemaligen Lagerbewohner gebaut. Viele, die nicht ausgewandert waren, nahmen hier eine Wohnung. Meine Mutter, eine Schwester und ich blieben ebenfalls in Wagna. Wir bauten sogar am Silberweg selbst. Ich lebe hier heute noch mit meiner Frau.
Josef Eberhardt
ist am 29. November 1943 in Slawonien, einer deutschsprachigen Region im Osten Kroatiens, geboren. Ich empfange Josef Eberhardt am 8. Februar 2022 in meinem Büro im Gemeindeamt zu einem Gespräch. Er hat sich als einer der ersten gemeldet, um mit seinen persönlichen Erinnerungen einen Beitrag zu diesem Buchprojekt beizusteuern. Er hat ein Blatt Papier mit, auf dem er sich einige Notizen für unser Gespräch gemacht hat, um nicht den Faden zu verlieren. Er schildert mir Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, die – trotz aller Widrigkeiten – positiv ausfallen. Seine Familie wurde 1945 von den Partisanen ausgesiedelt und kam ins Lager Wagna, wo Josef bis etwa 1955 lebte. Das Lager war anfangs primitiv, aber im Laufe der Jahre verbesserte sich die Situation etwas. Trotz der Armut empfand Josef die Kindheit nicht als problematisch. Die Kinder fanden Wege, sich zu beschäftigen, auch wenn es an Spielzeug und Komfort fehlte. Amerikanische Hilfsvereine sorgten für Hilfspakete, darunter gebrauchte Kleidung, was eine Erleichterung war. Josef verließ das Lager im Jugendalter, begann eine Bäckerausbildung und lebt heute noch mit seiner Frau in Wagna. Die Baracken wurden in den späten 50er Jahren abgerissen und stattdessen Wohnungen für die ehemaligen Lagerbewohner gebaut.