Erinnerungsort Wagna


Maria Pristernik

Oft denke ich, dass die Zeit damals schöner war

Ich wurde in Ruma, im ehemaligen Jugoslawien, geboren. Mit etwa 5 Jahren kam ich mit meiner Mutter und meinen beiden Brüdern, die 7 bzw. 5 Jahre älter waren als ich, nach Wagna. Wir flohen mit dem Zug zunächst in die Obersteiermark, wo es auch ein Aufnahmelager gab. Mein Vater begleitete uns nicht. Er wollte sich und seine Mutter in der Heimat verstecken, wurde jedoch von den Partisanen gefunden und erschossen. Ich habe mich immer gefragt, warum er nicht mit uns mitgekommen ist. Vielleicht hätte er dann auch eine bessere Zukunft gehabt.

Nachdem bekannt wurde, dass es auch ein Lager in Wagna gab, sind wir dorthin gezogen. An die genauen Umstände erinnere ich mich nicht mehr, weil mir das meiste von damals von meinen Tanten erzählt wurde. Meine Mutter schwieg dazu. Wenn man sie danach fragte, reagierte sie fast aggressiv. Sie wollte nicht darüber sprechen. Vielleicht hat sie mit Erwachsenen darüber gesprochen, aber nicht mit uns Kindern. Wenn ich sie fragte, sagte sie immer: „Ich habe das vergessen.“ Wahrscheinlich konnte sie einfach nicht darüber reden, weil sie so stark von den Geschehnissen gezeichnet war. Sie war auch immer ängstlich. Im Lager hatte meine Mutter dann eine Beziehung zu einem anderen Mann und bekam mit ihm einen Sohn. Mein Halbbruder ist sieben Jahre jünger als ich und wurde im Lagerspital geboren. Wenn meine Mutter ins Dorf ging, um zu arbeiten – sei es, um Kukuruz zu schälen oder Erdäpfel zu klauben – habe ich immer auf meinen Halbbruder schauen müssen.

Ich besuchte den Kindergarten im Lager und anschließend zwei Jahre die Lagerschule. Nach der Auflösung gingen wir in Leibnitz zur Schule. Im Winter mussten wir bei Eis und Schnee zu Fuß gehen. Wenn der Schneepflug kam, schob er den Schnee auf uns zu und wir sprangen schnell in den Graben. Dann waren wir eben patschnass. Unsere Schuhe und Kleider bekamen wir hauptsächlich von Spenden. Nach der Volksschule besuchte ich die Haushaltungsschule am Sportplatz, wo ich Kochen, Nähen und Wirtschaft lernte. Nach einem Jahr begann ich eine Schneiderlehre. Während meiner Berufszeit hatte ich viele Freundinnen vom Land, die uns immer etwas mitbrachten. Sie waren sehr hilfsbereit, vielleicht weil sie mehr hatten. Aber es gab auch andere, die sich als besser erachteten und uns beschimpften. Die Buben nannten uns zum Beispiel oft „Lagerpotizzen“. Im Großen und Ganzen waren wir aber schon sehr beliebt. Die Lagerbuben und -mädeln fanden alle eine Lehrstelle in Leibnitz.

Ich erinnere mich gut daran, dass ich zweimal für drei Monate auf Erholung fuhr. Das Rote Kreuz rief im Lager dazu auf und meine Mutter meldete mich an. Ich erinnere mich noch daran, wie meine Mutter sagte: „Du fährst.“ Ich weinte, weil ich nicht weg wollte, aber als ich dann in Dänemark ankam, genoss ich die Zeit. Es ging mir gut. Die Familie, bei der ich war, verehrte mich. Die ältere Tochter ging mit mir im See baden und dort fühlte ich mich wie eine kleine Prinzessin. Ich hatte noch zehn Jahre lang Briefkontakt mit meiner Pflegefamilie. Beim nächsten Mal war ich in der Schweiz auf Erholung, auf einem Bauernhof für drei Monate. Meine Pflegemutter saß im Rollstuhl, hatte einen Sohn und zwei Töchter. Dort erlebte ich viele interessante Dinge. Diese Erholungsaufenthalte waren schöne Erlebnisse. Auch andere Kinder fuhren auf Erholung, manche nach Dänemark, manche nach Schweden oder in die Schweiz.

Ich erinnere mich auch daran, dass es im Lager einen Chauffeur gab, der uns nach Graz brachte, wenn wir dorthin mussten. Er fuhr uns in einem offenen Laster mit einer Plane, auf der Ladefläche befanden sich Bänke, auf denen wir saßen. Er brachte uns nach Graz, wir erledigten unsere Angelegenheiten und fuhren dann wieder zurück.

Es gab auch eine Jungschar, in der wir viel erlebten. Pater Reinhold leitete die Heimstunden und war so etwas wie ein Ersatzvater. Er unternahm viel mit uns. Später in der Jugendzeit organisierte er einen Ausflug auf die Alm nach Oberhaag. Das war ein Riesenspaß! Pater Reinhold fuhr mit uns im Bus hinauf und wir verbrachten eine Woche auf der Alm, kochten und aßen zusammen. Die Buben waren eifersüchtig. Wir Mädchen hatten nämlich keine festen Freunde und gingen einmal zur Grenze. Dort trafen wir auf einige junge Männer, die sich für uns interessierten. Ich war schon immer etwas vorlaut und sagte zu ihnen, dass Wagna leicht zu finden sei und wir jeden Samstag ins Tanzcafé Christof zum Tanzen gingen. Zwei kamen tatsächlich. Sie blieben zwei Stunden, wir tanzten ein wenig und dann fuhren sie wieder nach Hause. Das war aufregend. Also habe ich wunderbare Erinnerungen an meine Jugendzeit.

Der Treffpunkt im Lager war immer bei der Baracke von Sali und Rita Divo. Salis Mutter verhungerte und Sali zog ihre Geschwister groß. Sie kochte, wusch und kümmerte sich um sie – eine sehr tatkräftige Frau. Rita und ich verstanden uns immer gut. Ihre Baracke war an der Straße und dort war auch die Kirche. Wir waren sehr religiös und besuchten jeden Abend die Maiandacht. Wir waren alle so verbunden und bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft, was man heute kaum noch sieht. Früher hatten wir mehr Freunde, weil niemand etwas hatte und man viel mehr ausgegangen ist. Alles war so offen. Meine Mutter schloss ihre Tür nie ab. Das war nicht notwendig, denn jeder war arm. Das ist heute nicht mehr so. Wie soll ich sagen? Wo Armut ist, gibt es auch ein anderes Denken. Oft denke ich, dass die Zeit damals schöner war. Sicher haben wir heute alles, aber was ist in der heutigen Zeit der Neid? Dabei habe ich eh nichts. Aber ich habe genug zum Leben und bin fröhlich.


Maria Pristernik

geb. Graff, ist am 9. Februar 1943 in Ruma zur Welt gekommen. Im Alter von fünf Jahren ist sie mit ihren Brüdern und ihrer Mutter ins Lager Wagna gekommen. Nach der Auflösung des Lagers lebte sie zunächst bei ihrer Mutter in einem Haus im Riedfeldweg. 1965 heiratete sie und bekam drei Kinder. Sie lebte bis zu ihrem Tod am 25. September 2022 in einer Wohnung in der Föhrenbaumstraße.

Ich darf Maria Pristernik am 8. Februar 2022 in meinem Büro im Gemeindeamt empfangen. Sie bringt ein Fotoalbum mit, das sie Seite für Seite gemeinsam mit mir durchgeht und mir anhand der Bilder, so gut sie kann, ihre Gedanken dazu schildert. Manchmal fällt es ihr schwer, sich zu erinnern. Einige Namen sind ihr entfallen. Immer wieder bleibt sie bei Fotos, die sie gemeinsam mit ihren Freundinnen zeigen, hängen. Das war ein ganz anderer Zusammenhalt damals. Ein besserer, kein Vergleich zu heute. Allen ging es gleich. Das schweißt eben zusammen. Gerne denkt sie deswegen an ihre Kindheit und Jugend zurück. Vor allem die schönen Erinnerungen sind es, die geblieben sind. 


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