Erinnerungsort Wagna


Erika Haas

„Das war ein Treffpunkt für alle Lagerer, da sind’s alle hin“

Ich bin 1940 in Kärnten geboren, wuchs aber in Leibnitz auf. Obwohl ich seit 1952 im jetzigen Haus in Leibnitz lebe, war ich in meiner Jugend oft im Lager in Wagna, weil mein Mann Walter in der Haas-Kapelle spielte.

Walter stammte aus Wagna und die Haas-Kapelle trat häufig bei Veranstaltungen im Lager auf. Als Fahrerin für die Instrumente war ich stets dabei. Vor allem erinnere ich mich an die Vorbereitungen für den Lager-Ball im Winter. Damals gab es oft viel Schnee und um sicherzustellen, dass die Instrumente nicht verstimmt waren, brachten wir sie schon morgens mit dem Moped und dem offenen Anhänger ins geheizte Lager.

Die Haas-Kapelle, bestehend aus Walter, seinem Bruder Hans, Herrn Draxler, Herrn Wukonig und Prinz Albin, spielte immer bei den beliebten Kathrein-Kränzchen im November. Die Bälle waren normalerweise nur für die Lagerbewohner, aber als Fahrerin bekam ich viel mit. Besonders amüsant fand ich, dass die Mädchen ohne Begleitung mit ihren Eltern auf der einen Seite saßen, dann aber – nachdem sie vergeben waren – auf die andere Seite wechselten. So wusste jeder stets über den Beziehungsstatus Bescheid. Und wurde natürlich viel getratscht.

Gelegentlich half ich auch beim Aufräumen nach den Bällen. Auf den Bällen damals haben die Leut noch fest getanzt. Die Bodenbretter sind auf und nieder gegangen und es hat gestaubt im ganzen Saal vom Tanzen. Die Bälle waren ein zentraler Treffpunkt für die Lagergemeinschaft. Da sind sie alle hin.

Ich erinnere mich an die Tanzwettbewerbe mit Preisen wie einer Flasche Sekt oder einem Schwarzbrot von der Bäckerei Lukanz. Einmal tranken Walter und sein Bruder den Sekt vorzeitig aus, weil er in der Pause auf die Bühne gestellt wurde und sie nicht wussten, dass es sich dabei um den ersten Preis handelte. Das Schwarzbrot wurde somit der erste Preis und eine Lagerfrau gewann ihn, war damit aber wohl nicht besonders zufrieden. Sie merkte dann etwas verstimmt an: ‚Also bei uns haben wir nur Weißbrot gegessen, nie ein Schwarzbrot.‘

Walter hat sich immer gut mit den Lagerern, mit denen er zur Schule gegangen war, verstanden. Als Jugendlicher spielte er oft im Lager. Bei der Pelzmann-Mühle gab es einen Brunnen mit Munition und da haben die Burschen natürlich neugierig gestierlt. Auch vor der Bäckerei Lukanz befand sich noch Munition. Bei einem tragischen Vorfall kam der Cousin meines Mannes ums Leben, als jene Munition plötzlich explodierte. Da sind die Fenster bis zur Schwiegermutter rauf gesprungen, so ein Druck war das.

Im Sommer spielte die Haas-Kapelle oft im Maisacker und die Menschen kamen von überall her, um zuzuhören. Mit wenig Geld kopierte ich auf meiner Arbeitsstelle Noten für die ganze Kapelle, da ja jede Woche ein neuer Schlager herauskam und Noten teuer waren. Das Geld war knapp und mein Mann brauchte jedes Jahr eine neue Harmonika. Die Haas-Kapelle spielte nicht nur im Lager, sondern auch auf vielen anderen Bällen, weil es damals ja noch nicht so viele Bands gab. Das war eine lustige Zeit.


Erika Haas

wurde am 6. April 1940 in Kärnten geboren. Sie ist in Leibnitz zur Schule gegangen und lebt seit 1952 in ihrem Haus in der Fettinger Gasse in Leibnitz. Ihr Vater und ihr Ehemann waren in Wagna geboren.  

Ich darf Erika Haas am 20. Februar 2022 in ihrem Zuhause in Leibnitz besuchen. Ein Fotoalbum mit Aufnahmen, die vor allem die Haas-Kapelle zeigt – eine Musikgruppe, bei der ihr Mann mitspielte – wird ausgepackt und durchgeblättert. Erinnerungen an lustige Zeiten kommen da hoch. Frau Haas hat die Band ihres Mannes oft bei ihren Auftritten auf Bällen, die u.a. im Lager Wagna stattgefunden haben, begleitet und ihnen manchmal die Musikinstrumente gebracht. Da hat sie so einiges vom Gesellschaftsleben der Lagerer mitbekommen. Ausgelassen gefeiert und viel getanzt wurde, wenn die Haas-Kapelle aufgespielt hat. So manches Paar hat sich auf jenen Kränzchen damals gefunden, wie mir Frau Haas mit einem Lächeln auf den Lippen erzählt.  


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