Erinnerungsort Wagna


ANNEMARIE LICHTNER

„Ich könnte nicht sagen, dass uns irgendetwas gefehlt hat. Wir waren frei.“

Ich wurde in Eisenerz geboren, da meine Mutter zu meiner Geburt gerade auf Besuch bei ihrer Schwester dort war. Unser Wohnort war jedoch Wagna, wo wir in einem kleinen Zimmer beim alten Konsum wohnten, gegenüber vom Wiedenbauer. Unten im Gebäude befand sich der Friseur Rehak. Später hörten wir von einem neuen Gemeindehaus, für das sich Leute bewerben konnten. Wer bei den Bauarbeiten half, bekam Vorzug. Also halfen meine Eltern und auch ich, obwohl ich damals noch klein war – etwa fünf oder sechs Jahre – fleißig mit.

Das Gemeindehaus stand in der Kurve der Hauptstraße und beherbergte sechs Familien. Unten waren die Gemeinde und die Feuerwehr. Meine Eltern, Großeltern und zwei weitere Familien lebten im ersten Stock, während noch zwei andere Familien darüber lebten. Draußen gab es einen Park mit Bäumen und einen riesigen Platz, auf dem wir spielten. Gegenüber wurde ein weiteres Haus gebaut. Unten im großen Saal fanden Versammlungen und Tanzkurse statt. Es war ein angenehmer Ort zum Leben, mit einem kleinen Stall, einer Hütte und einigen Hasen, die meine Mutter hatte. Ich musste immer Futter für die Hasen holen. Da ging ich auf die Felder, als noch Rapunzel wuchs, nach der Kukuruz-Ernte im Herbst. Damals gab es noch keine Spritzmittel, alles war natürlich.

Ich ging acht Jahre lang in Leibnitz zur Schule, immer zu Fuß. Im Sommer gingen wir zum Baden an die Sulm, meine Mutter bereitete Gemüsesuppe in einer Milchkanne vor und wir verbrachten den ganzen Nachmittag an der Sulm. Wir liefen praktisch über die Felder hinunter zur Sulm, ein herrlicher Spaziergang durch das Dorf Wagna. Trotz unserer Armut habe ich schöne Erinnerungen. Mir hat nichts gefehlt, wir waren wirklich frei. Ich liebte die Natur, damals wie heute. Ich war regelmäßig allein im Wald unterwegs, weil meine Oma mich oft bat, Brennnesseln und Klettenkraut für einen Salat zu holen, denn meine Eltern mochten keinen Spinat. Ich war immer draußen in der Natur und oft im Dorf Wagna, um Milch zu holen.

Ich erinnere mich an eine Freundin aus der Schulzeit. Ihre Familie hatte Schweine, es ging ihnen etwas besser. Sie hatte immer dickes Schmalzbrot zur Jause dabei, aber mochte es nicht. Ich bekam also immer ihre Brote und ich erinnere mich noch heute daran, wie gut sie geschmeckt haben. Das sind Erinnerungen, die heute kaum jemand verstehen kann. Wir haben morgens ja nur unseren Sterz gekriegt und das wars dann. Das war eben so.

Natürlich war nicht immer alles schön. Meine Mutter hatte wenig Geld, ich erinnere mich gut daran, dass jeder Schilling umgedreht werden musste, wenn wir einkaufen gingen. Meistens wurde es aufgeschrieben und am Monatsende oder Anfang bezahlt. Wir konnten uns kein Holz leisten, also hatte meine Mutter einen Sammelschein für den Wald. Wir gingen mit dem Leiterwagen in den Korwald, luden ihn mit Prügeln voll und kehrten zurück. Damals hatten wir vormittags und nachmittags Schule. Wenn wir nachmittags Unterricht hatten und das Wetter schön war, gingen wir vormittags in den Wald. Manchmal war es schon 12 Uhr, wenn wir an der Landschabrücke waren und ich hatte um halb 1 in Leibnitz Schule. Schnell nach Hause, Brot auf die Faust und ab zur Schule. Ich habe mir oft die Zehen angeschlagen, weil ich barfuß gelaufen bin. Aber erstaunlicherweise hat mich nie jemand geschimpft, wenn ich zu spät kam.

Ich erinnere mich auch an das Lager für Flüchtlinge. Das war beeindruckend, wie viele Menschen dort waren. Aber für uns Kinder war das normal. Der Treffpunkt für alle war beim Wiedenbauer, da war immer etwas los. An die Engländer erinnere ich mich noch gut. Sie waren nett zu uns Kindern und gaben uns immer Schokolade. Sie waren im Konsumgebäude untergebracht und wir Kinder freuten uns sehr über die kleinen Geschenke.

Es war nicht immer leicht, aber ehrlich gesagt haben wir nichts vermisst. Es war einfach so. Wir spielten Völkerball, Gummitwist, Kastelhüpfen – wir waren immer beschäftigt. Alles war natürlich und lustig, für uns Kinder war es wunderschön. Wir genossen die Freiheit, niemand schimpfte, wenn wir laut spielten. Es war immer fröhlich. Glücklicherweise bekam ich eine Lehrstelle als Friseurin bei Rehak. Mein Mann lernte beim Konsum, dort lernten wir uns kennen. Mit 19 bekam ich meinen ersten Sohn und mit 20 zogen wir nach Deutschland. Im Grunde genommen ist für mich alles gut verlaufen, trotzdem.


Annemarie Lichtner

ist am 22. Februar 1941 geboren. Sie ist in Wagna aufgewachsen, hat ihre Kindheit und Jugend hier verbracht. 1960 ist sie gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Deutschland gezogen. Ich bekomme am 12. Februar 2022 einen Anruf von Frau Lichtner. Zwar lebt sie schon lange nicht mehr in Wagna, kommt aber nach wie vor gerne in ihre zurück und verbindet schöne Erinnerung daran. Man hat zwar fast nichts gehabt, die Eltern mussten jeden Schilling zweimal umdrehen, aber gefehlt hat Frau Lichtner als Kind eigentlich nichts. Sie hat die Freiheit, die wohl nur ein Kind in dieser Art erleben kann, in vollen Zügen genossen.


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