Erinnerungsort Wagna


ANTON KUNTER

„Da hat man dann eben selber schauen müssen, wie man weiterkommt.“

Ich wurde 1932 in Bukin geboren, einem Dorf, das heute zu Serbien gehört, damals jedoch zu Kroatien gehörte. Im Jahr 1944 mussten meine Eltern, meine beiden Brüder, meine Schwester und ich aufgrund des Krieges fliehen. Wir nutzten einen Pferdewagen, um zunächst nach Wiener Neustadt zu gelangen und von dort aus mit dem Zug nach Schlesien zu fahren. Allerdings mussten wir auch von dort wieder flüchten. Wir schlossen uns einem Bauern an und reisten mit ihm bis ins Sudetenland. Dort blieben wir bis nach dem Ende des Krieges. Als wir wieder nach Hause wollten, konnten wir jedoch die Grenze nicht überqueren. Daher verbrachten wir den Winter 1945 in Ungarn, wurden von dort dann aber erneut vertrieben.

An der Grenze gaben wir einem Schleuser alles, was wir noch besaßen und gelangten mit seiner Hilfe nach Österreich. Vom Burgenland aus kamen wir ins Lager nach Straß und verbrachten dort 14 Tage in Quarantäne. In Straß suchte man Leute, die auf Bauernhöfen arbeiten konnten. So verbrachten wir einige Monate bei Bauern in Eichberg, bevor wir schließlich ins Flüchtlingslager nach Wagna kamen. Anfangs lebten wir in engen Verhältnissen, wo sich zwei Familien und zwei Ledige einen Raum teilten. Erst später wurden die Familien separat untergebracht.

Ich erinnere mich daran, dass es eine Lagerküche gab, die die Menschen versorgte, allerdings nur bis zum 15. Lebensjahr. Danach erhielt man weder Essen noch finanzielle Unterstützung. Zu dieser Zeit war ich bereits 15 Jahre alt und musste selbst sehen, wie ich weiterkam. Ich erinnere mich daran, dass uns das Holz zum Heizen ausging. In diesen schwierigen Zeiten brachte uns ein Mitbewohner, der bei der Lagerpolizei arbeitete, nachts heimlich Holzscheite. Diese versteckten wir in der Baracke und nutzten sie im Winter zum Heizen.

Ich erinnere mich auch gut an den Wiedenbauer, ein Gasthaus, in dem wir jedes Wochenende tanzen gingen. Ein Kaufhaus namens Christof gab es ebenfalls, der später das erste Geschäft eröffnete. Es gab auch ein Heim, glaube ich, in dem wir manchmal Tischtennis spielten.

Während meine Brüder bereits geheiratet und sich niedergelassen hatten, blieb ich noch ledig. Im Lager gab es eine Baracke, in der die Junggesellen lebten und dort war ich, bis ich meine Frau kennenlernte und heiratete. Sie arbeitete in der Lager-Schneiderei und lebte in der 14er-Baracke, während ich in der 32er-Baracke wohnte. Nach unserer Hochzeit im Jahr 1952 wurde unser Sohn im Spital in Wagna geboren. Als er acht Monate alt war, zogen wir nach Kapfenberg und wohnten zunächst in einem Lager. Im Jahr 1956 erhielten wir dann eine Wohnung und begannen in Gratkorn mit dem Bau unseres eigenen Hauses.


Anton Kunter

ist am 6. Oktober 1932 in Bukin in der Batschka geboren. Aufgrund des Krieges mussten seine Familie und er 1944 flüchten. Ende der 40er-Jahre ist er schließlich im Lager Wagna gelandet, wo er seine Ehefrau kennengelernt hat und sein Sohn geboren wurde. Heute lebt Anton Kunter in Gratkorn.

Am 24. Februar 2022 darf ich Anton Kunter in seinem Zuhause in Gratkorn besuchen, nachdem sich sein Enkel auf unseren Zeitzeugenaufruf gemeldet hat. Herr Kunter hat seine Jugend im Lager Wagna verbracht. Er muss gemeinsam mit seinen drei Geschwistern und seinen Eltern flüchten. Erst nach dem Krieg schaffen sie es nach Österreich. Hier leben sie zunächst bei Bauern, bevor sie im Lager Wagna landen. Da ist Herr Kunter bereits 15 Jahre alt und gilt somit nicht mehr als Kind, das Essen aus der Lagerküche holen darf. Er muss sich bereits selbst versorgen, was ihm anfangs schwerfällt. Aber irgendwie geht es. Im Lager Wagna lernt er dann auch seine Frau kennen, die hier in der Schneiderei arbeitet. Ihr erster Sohn wird 1952 im Spital Wagna geboren. Wenige Monate später verlassen sie Wagna.


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