Erinnerungen an einen Doppelmord in Aflenz
Ich kann mich noch gut an eine Begebenheit aus meiner Kindheit erinnern, als sich 1948 in Aflenz ein Doppelmord zugetragen hat, den ich als fünfjähriger Nachbarsbub hautnah miterlebt habe. Ich wohnte bei meiner Großmutter in Aflenz, Hausnummer 48. Rosa Wiesner hieß sie. Ich war mit ihr und meinem Stiefcousin Karl, er war 15 oder 16 Jahre alt, zuhause, als die Großmutter draußen plötzlich Schritte hörte. Es war Nacht. Man konnte durchs Fenster zwei Gestalten, die sich unserem Haus näherten, erkennen. Meine Oma ahnte schon Schlechtes. Die Haustür war zwar geschlossen, aber nicht versperrt, also hat sie das Schloss rasch verriegelt. Die zwei Männer kamen immer näher. Sie leuchteten mit Taschenlampen durch alle Fenster. Wir zitterten vor Angst. Dann zogen sie zum Glück aber ab, warum wissen wir nicht. Später kam mein Onkel heim. Er schenkte der Geschichte wenig Beachtung und versuchte es als „Bubenstreich“ abzutun. Ein Haus weiter wohnte ein betagtes, kinderloses Ehepaar namens Lenz, das eine gute nachbarschaftliche Beziehung zu unserer Familie pflegte. Das Paar kam täglich zu meiner Oma, um Milch zu holen. Als sie am nächsten und übernächsten Tag nicht gekommen waren, machten wir uns Sorgen, also ging Onkel Ludwig Nachschau halten. Durchs Fenster konnte er die Leichen der beiden sehen. Er verständigte die Gendarmerie, die zu ermitteln begann. Zunächst wurde mein Onkel verdächtigt und musste sogar in Untersuchungshaft, weil es Unstimmigkeiten bei seinem Alibi gab. Er hatte während des Tatzeitpunktes einige Stunden bei seiner späteren Ehefrau, mit der er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht offiziell liiert war, verbracht. Die beiden hatten der Gendarmerie gegenüber unterschiedliche Zeitangaben gemacht, weswegen mein Onkel als Hauptverdächtiger galt. Es stellte sich dann aber bald heraus, dass er unschuldig war. An der Grenze bei Spielfeld konnte einer der beiden Täter, er war Slowene, gefasst werden – wie das gegangen ist, weiß ich aber nicht. Er gestand jedenfalls den Mord und wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt. Seinen Komplizen hat er nie verraten, dieser wurde bis heute nicht gefasst. Ich war damals zwar noch ein kleiner Bub, das Erlebnis hat sich aber sehr eingeprägt und beschäftigt mich bis heute noch
Anton Wiesner
ist am 2.6.1943 geboren. Seine Kindheit und frühe Jugend verbrachte er in Aflenz. Dort lebte er gemeinsam mit seinem Vater, seiner Großmutter und seinem Onkel im Haus seiner Großmutter. Mit 19 Jahren wanderte er nach Rankweil in Vorarlberg aus, wo er heute noch gemeinsam mit seiner Familie lebt. Ein Erlebnis aus seiner Kindheit beschäftigt ihn heute noch, wie er in einem Brief schildert.