„Ich habe schlimmere Zeiten erlebt, wo es viel schlechter war, aber die Leute waren viel zufriedener.“
Am 16. November 1921 wurde ich in Kaindorf an der Sulm geboren. Seit 1927, im Alter von 6 Jahren, lebe ich in Wagna. Meine Eltern haben hier ein Haus gekauft, das renoviert werden musste, und so kam ich hierher. Da ich im November geboren wurde, begann ich erst mit 7 Jahren die Schule. Der Schulweg führte mich nach Leibnitz – zu Fuß, bei jedem Wetter. Im Winter lag oft tief Schnee und wenn es fror, gingen wir über Eisdecken.
Meine Eltern erwarben eine kleine Wirtschaft, was natürlich viel Arbeit bedeutete. Mein Vater beantragte Sommerbefreiung für mich und so musste ich von meinem 10. Lebensjahr an von April bis November nicht zur Schule gehen. Obwohl das normalerweise nicht förderlich für die Entwicklung ist, musste ich, statt zur Schule zu gehen, also zu Hause mithelfen. Wir hatten zwei Kühe und ich musste beim Mähen und bei Kleinigkeiten aushelfen. Statt die Hauptschule zu besuchen, absolvierte ich acht Jahre die Volksschule, weil die Hauptschule niemanden mit Sommerbefreiung aufnahm.
Im Alter von 14 oder 15 Jahren begann ich mit meiner Ausbildung, bis ich 1941 eingezogen wurde. Ursprünglich sollte ich bereits im Jänner einrücken, erlitt jedoch einen Blinddarmdurchbruch und verbrachte vier Wochen im Krankenhaus. Dann, denke ich, rückte ich im Mai ein. Ich war in Norwegen und absolvierte meine Ausbildung zur Fliegerabwehr in Tromsø. Anschließend wurde ich nach Südnorwegen versetzt, wo ich mit Entfernungsmessgeräten arbeitete. Danach wurde ich wieder nach Mittelnorwegen, in die Nähe von Trondheim, versetzt, um das deutsche Schlachtschiff Tirpitz zu bewachen. Einmal durfte ich sogar auf das Schiff und Essen für unsere Einheit holen. Wir hatten zwei 10-Liter-Eimer dabei, in die sie uns Fleischnudeln und Suppe füllten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie das Essen geschmeckt hat. Das war ein Erlebnis, als wir auf das Schiff kamen.
Nachdem die Tirpitz weiter nach Norden verlegt wurde, wurden auch wir versetzt. Ich kam zu einer Einheit, die keine E-Messer hatte. Dort blieb ich bis zum Sommer 1944. Dann wurden wir abgezogen, machten Umwege nach Deutschland. Als die Russen angriffen, wich unsere Einheit zurück. Wir zogen weiter nach Norden, etwa 30 bis 50 Kilometer. Dann ging es von Norden zurück in Richtung Plattensee. Dort verbrachten wir einige Wochen, bis wir in ein kleines Dorf in Niederösterreich kamen. Wir sollten Panzerabwehrgranaten aus Tschechien erhalten, aber es kam nichts. Am Ende hatten wir keine Munition mehr. Jedenfalls blieben wir dort bis zum 8. Mai. Danach sollten wir in amerikanische Gefangenschaft gehen. In dieser Nacht brach ich heimlich auf und marschierte zu Fuß nach Leibnitz. Das war meine Kriegszeit, das ist schon lange her. 75 Jahre. Meine Erinnerungen sind nicht mehr so klar. Aber ich kann Ihnen sagen, ich habe schlimmere Zeiten erlebt, wo es viel schlechter war, aber die Leute waren viel zufriedener. Vielleicht geht es den Menschen heute zu gut. Jeder will seinen Willen durchsetzen.
Nach dem Krieg gab es bei uns lauter sozialistische Bürgermeister. Ich habe etwa zehn oder zwölf erlebt. Als Maria Steflitsch Bürgermeisterin wurde, trat ich der SPÖ bei und war in verschiedenen Funktionen aktiv. Ich habe schwierige, aber auch gute Zeiten erlebt. In Wagna war ich 18 Jahre lang Parteiobmann, 23 Jahre im Gemeinderat und 13 Jahre Vizebürgermeister. Ich war 20 Jahre lang Obmann des Pensionistenverbandes Leibnitz und 23 Jahre Bezirksobmann. Da habe ich viel erlebt, Gutes und Schlechtes. Ich war 60 Jahre verheiratet, habe vier Kinder, 12 Enkel und 12 Urenkel. Jetzt lebe ich im Pflegeheim. Was soll ich sagen? Mir geht es wie dem Hund im Brunnen – der wird gut behandelt, kann aber nirgends alleine hin.
Christian Theußl
ist am 16. November 1921 in Kaindorf an der Sulm geboren. Seit seiner frühesten Jugend war er als Land- und Bauarbeiter tätig. Bald nach Beginn des 2. Weltkrieges musste er zur Deutschen Wehrmacht und war an vielen Kriegsschauplätzen im Einsatz. Nach Kriegsende floh er aus der Kriegsgefangenschaft und kehrte zu Fuß nach Wagna zurück. Theußl besuchte auch die Sozialakademie und hatte viele Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung inne. In Wagna wurde er Anfang der 70er-Jahre Obmann der SPÖ Organisation. Ab dem Jahre 1966 wurde er Gemeinderat in der Marktgemeinde Wagna und war ab 1975 auch viele Jahre lang als Vizebürgermeister unter dem Bürgermeister Franz Trampusch tätig. Nach seiner Pensionierung übernahm er den Vorsitz in der Ortsgruppe des Pensionistenverbandes Wagna. Später war er dann viele Jahre lang auch der Bezirksobmann dieses Verbandes. Christian Theußl lebt heute im Volkshilfe Pflegeheim in Wagna.
Am 11. Mai 2022 besuche ich Christian Theußl im Volkshilfe Seniorenzentrum in Wagna. Er freut sich immer, wenn jemand vorbeikommt. Theußl lebt seit seinem 100. Lebensjahr im Pflegeheim – es geht ihm gut hier. Die Erinnerungen an die Kindheit und Jugendzeit verblassen allmählich, genaue Daten und Details verschwimmen schön langsam, aber trotzdem weiß er noch einige Anekdoten von seiner Zeit bei der deutschen Wehrmacht zu erzählen.