„Als dann der Waffenstillstand verlautbart wurde, fiel allen ein schwerer Stein vom Herzen. Gleichzeitig bangte man jedoch vor dem Ungewissen, das jetzt kommen werde.“
Mein Vater wurde am 4.1.1899 als drittes Kind des Kleinkeuschlers und Eisenbahnzimmermanns Franz Schaberl und seiner Frau Theresia in Mühldorf bei Feldbach geboren. Schon im August 1919 trat er der damaligen Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei – der heutigen SPÖ – bei, die er bis zu seinem Tod angehörte. Während der nationalsozialistischen Diktatur ruhte die Mitgliedschaft. Vater heiratete mit 17 Jahren die um zwei Jahre jüngere Anna Sapper, da das erste Kind unterwegs war. 1924 wurde sein zweites Kind geboren. Im Oktober 1934 verstarb Vaters erste Ehefrau. So kam es, dass mein Vater unsere Mutter kennenlernte und diese am 23.11.1935 in Kindberg heirateten.
Ich wurde am 13.12.1937 in Kapfenberg geboren. Nachdem mein Vater ein Postenangebot in Leibnitz bekam, übersiedelten wir im September 1938 nach Leibnitz bzw. Wagna. Wir wohnten zuerst etwa ein halbes Jahr in der Hasendorfer Straße. Die Vermieterin war jedoch sehr unleidlich und so übersiedelten meine Eltern bald nach Wagna. Wir wohnten dort zwei Jahre im Obergeschoß des Hauses der Familie des Ölmüllers und Obstpressers Franz Pelzmann. An einige Dinge aus dieser Zeit kann ich mich noch recht gut erinnern. Im Hof von Pelzmann gab es beispielsweise einen Sandhaufen zum Spielen und ich hatte einen blechernen Marienkäfer zum Nachziehen, dessen Flügeldecken man öffnen konnte. Darin war das Sandspielzeug untergebracht. Damals bekam ich zu Weihnachten meinen Teddybären, meine „Schildkröt-Puppe Erika“, einen blechernen Singkreisel, bunte Mosaikbausteine und den Struwwelpeter. Aus diesem las mir Mutter oft vor und ich kannte ihn bald auswendig. Meine Mutter beschäftigte sich viel mit mir, las mir Kindergedichte vor und sang mit mir Kinderlieder, die ich mir bald merkte. Am Anfang des Krieges bekam ich noch viele Spielsachen geschenkt. Das tollste Geschenk war für mich der alte Matador-Holzbaukasten. Mit diesem Baukasten spielte ich viele Jahre. Die größte Strafe für mich war es, wenn ich einmal eine Zeitlang nicht damit spielen durfte. Mit zunehmender Kriegsdauer veränderten sich die Geschenke dann. Wir bekamen vor allem praktische Dinge, die überwiegend selbst aus alten Sachen gemacht wurden, geschenkt. Zum Beispiel einen Schal und ein paar Handschuhe.
Als wir nach Wagna zogen, bestand die Gemeinde zu einem relativ großen Teil aus Wohnhäusern, in denen Eisenbahner wohnten. Der Ortskern war die Siedlung Wagna, die aus dem alten Barackenlager bestand. Von jenem Lager bestanden zur Zeit meiner Jugend noch die ehemalige Lager-Ökonomie, in der sich im Krieg die Kreis-Bauernschaft befand und heute das Baubezirksamt, das Lagerspital, das im zweiten Weltkrieg durch eine weitere Baracke ergänzt wurde, der ehemalige Pfarrhof, zwei weitere Doppelhäuser und einige Großbaracken. Die Kirche, die sich auf der Ostseite der heute noch so benannten Kirchengasse befand, wurde 1920 abgetragen. Der Friedhof aus dieser Zeit besteht noch, die Gräber sind jedoch eingeebnet und es erinnert nur noch ein großes Steinkreuz daran.
Bevor das Lager errichtet wurde, existierten nur Dorf-Wagna und Klein-Wagna. Letzteres war ursprünglich ein Brückenweiler und bestand nur aus ein paar direkt an der Landschabrücke gelegenen Häusern. Darunter befanden sich drei Gasthäuser. In meiner Jugend gab es auf dem westseitigen Brückenkopf die beiden Gasthäuser Maier und Schallhammer. Das dritte Gasthaus auf der Landscha-Seite war meiner Erinnerung nach damals schon geschlossen.
Im Jahr 1941 übersiedelten wir in den sogenannten „Dreierbau“, weil der Mietvertrag mit Pelzmann von vornherein befristet gewesen und auch die Wohnung etwas zu klein war. Das Ortszentrum lag nun in unmittelbarer Umgebung zu unserer neuen Wohnung. Im Umkreis von etwa 300 Metern befanden sich das Gemeindehaus, in dem auch die Feuerwehr untergebracht war, das Spital, drei Gemischtwarenhändler, ein Gasthaus mit Kegelbahn, der Friseur, die Post und ein Bäcker. Lediglich der Fleischer, ein weiterer Bäcker und die Tabaktrafik befanden sich an der Marburger Straße und waren damit etwas weiter weg. Der Leiter des Konsumladens Konrad war eingerückt und so wurde das Geschäft von seiner Frau geführt. Auch der Friseur Rehak war beim Militär und wurde während des Krieges durch seine Ehefrau, eine kleine dickliche Frau mit dunklen Haaren, vertreten. Sie hatte zwei oder drei junge Lehrlinge beschäftigt.
Der „Dreierbau“ befand sich in der Eisenbahnersiedlung 84a, heute Hauptstraße 26. Es handelte sich dabei um ein einstöckiges Doppelhaus, in dem sich insgesamt 15 Wohnungen und die Kanzlei des Hausverwalters Strohhäusl befanden. Die Bezeichnung „Dreierbau“ galt im ganzen Ort und kam dadurch zustande, dass die in den Zwanzigerjahren errichtete Wohnsiedlung einer Eisenbahn-Baugenossenschaft aus drei Häusern bestand. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Entstehung benannt. Die solideste Bauweise hatte der „Einserbau“, beim „Dreierbau“ merkte man schon, dass das Geld knapp geworden war. Wir wohnten im Untergeschoß, wo sich noch die Wohnungen Platzer und Lubschina sowie die Kanzlei Strohhäusl befanden. Im Obergeschoß waren die Wohnungen Strohhäusl, Schmalhart, Roiko und Altenburger. Wir hatten die größte Wohnung. Sie bestand aus Küche, Wohnzimmer, Kabinett und Schlafzimmer. Zu jeder Wohnung gehörte auch ein größerer Garten, ein kleiner Ackerstreifen und ein Hühnerhof, der von fast allen Mietern auch zu diesem Zweck genutzt wurde. Meine Eltern waren die jüngsten Erwachsenen in diesem Haus und ich war, als wir einzogen, das einzige Kind. Eine enge Freundschaft bestand mit dem kinderlosen Ehepaar Schönauer, das im „Zweierbau“ wohnte. Wir Kinder hatten besonders „Onkel Edi“ und „Tante Resi“, die eine sehr gute Köchin war, ins Herz geschlossen. Insbesondere ihre Anisbögen waren sehr begehrt. Wenn unsere Eltern abends einmal nicht zuhause waren, kamen Frau Lubschina oder „Tante Resi“ zu uns. In die Wohnung der Lubschinas zog später die Familie von Johann Nußhold jun. mit Frau Erna und Tochter Lotte ein. Nußhold war eine Zeit nach dem Krieg auch Bürgermeister von Wagna. Später baute er ein Haus in Wagendorf. In die Wohnung zog danach Frau Gosch, eine ehemalige Konsum-Angestellte, ein.
Die Ehegatten Steflitsch wohnten ebenfalls im „Dreierbau“, im ersten Stock bei Eingang 84b. Beide waren in zweiter Ehe verheiratet und hatten nur Kinder aus erster Ehe. Herr Steflitsch war ein kleiner rundlicher Mann mit einem Zucken im Gesicht. Er war immer freundlich und gab Zitherunterricht. Seine Gattin Maria war Gemeindesekretärin. Beide waren sehr nette Leute. Frau Steflitsch wurde dann nach dem Krieg sogar die erste Bürgermeisterin der Steiermark. Unter ihr nahm Wagna einen großen Aufschwung.
Auf der unserem Haus gegenüberliegenden Straßenseite befanden sich zwei Einfamilienhäuser. In einem davon wohnte die Familie Guidassoni mit ihrer Tochter Ilse, die um zwei oder drei Jahre älter als ich war. Herrn Alexander Guidassoni gehörte das seinerzeit in Aflenz bestehende Ziegelwerk. Ilse war meine liebste Spielkameradin. Sie war von ihrer Art her ein halber Bub. Meine Eltern hatten zu ihr bedingungsloses Vertrauen und so durfte ich mit ihr überallhin mitgehen. Sie ging schon zur Schule, während ich noch den Kindergarten besuchte. Im Kinosaal fand einmal eine von der Schule veranstaltete Märchenaufführung statt, bei der sie schon mitspielte. Ich durfte mitgehen und war fasziniert, als ich die gespielten Märchen sah. Ich glaube es waren „Die Bremer Stadtmusikanten“, „Der gestiefelte Kater“ und „Der Froschkönig“. Ilse besaß auch eine elektrische Märklin-Eisenbahn, die ihr Vater einmal zu Weihnachten aufstellte. Die Anlage bestand neben dem Bahnhof und dem Gleis-Oval aus einer Lok und Schnellzugwaggons, Signalen und einer Schrankenanlage, die sich automatisch schloss und öffnete, wenn ein Zug sie passierte. Besonders beeindruckte mich, dass sowohl der Zug als auch der Bahnhof innen beleuchtet waren. So etwas hatte ich noch nie gesehen und ich hätte gerne damit gespielt, aber selbst Ilse spielte nicht damit, sondern schaute nur zu. Im Garten der Guidassonis trafen wir uns oft zum Spielen. Die Phantasie kannte keine Grenzen und es gab eine riesige Anzahl von Spielen, die uns einfielen. Natürlich spielten wir „Schule“ oder „Vater und Mutter“, aber machten auch Unfug. Zum Beispiel legten wir ein an der Schnur befestigtes Geldtäschchen aus und zogen daran, wenn sich jemand danach bückte. Am Abend waren wir meistens ganz schön schmutzig. Mutter erhitzte auf dem Herd Wasser und wir Kinder wurden in eine blecherne Waschschüssel gestellt, wo sie uns von Kopf bis Fuß reinigte. Für die Generalwäsche gab es eine große Zinkblechbadewanne, die im Sommer auch ins Freie gestellt wurde und als Badebecken diente.
Gut erinnere ich mich auch noch gut an den Gang zum Friseur. Das war immer ein Abenteuer. Der Friseur Rehak hatte seinen Betrieb im Konsumhaus. Wenn man den Laden betrat, befanden sich auf der linken Seite zwei mit Leder bezogene Sitze, die man mit Pedalen hoch- und niederkurbeln konnte. Hier wurden die Männer frisiert und rasiert. Auf der rechten Seite befanden sich ein paar Sessel für die Wartenden. Als Kind musste man natürlich warten, bis alle Erwachsenen abgefertigt waren. Anschließend an die Warteplätze befand sich eine Wand und dahinter waren die zwei Kabinen, in denen die Damen verschönert wurden. Damals wurden ihnen noch mit Brennscheren Locken gebrannt. Neben dem Geplauder untereinander und mit den Friseurinnen, konnte man manchmal auch ein Zischen hören, wenn die Schere zu heiß geworden war.
Am 14. März 1942 kam mein Bruder Robert auf die Welt. Er wurde im Spital in Wagna geboren und veränderte mein Leben natürlich sehr. Meist wurde er mit Grießkoch gefüttert und meine Mutter machte immer etwas mehr, sodass auch ich immer etwas davon abbekam. Hie und da bekam ich auch eine Semmel, die ich in die gezuckerte Milch eintauchen konnte. Das war für mich eine besondere Delikatesse! Unser Vater trank die Milch lieber gesalzen. Milch bekam man übrigens nicht in jedem Geschäft zu kaufen, sondern nur bei Christof. Sie war in offenen Metallbottichen gelagert, aus denen mit den mitgebrachten Milchkannen hinausgeschöpft wurde. Erwachsene erhielten nur Magermilch, Vollmilch war für Kleinkinder, Mütter von Säuglingen und Schwerarbeiter reserviert.
Auch an den Kindergarten erinnere ich mich noch recht gut. Ich besuchte Anfang der 40er Jahre den Kindergarten im Lager, in dem zu dieser Zeit auch die Lehrerbildungsanstalt Marburg untergebracht war. Ich ging hier sehr gerne hin und weiß noch, dass eine der Tanten aus Wildon war und Hilde hieß. Jedes Kind hatte ein bestimmtes Zeichen, das auf dem Kleiderhänger, dem Essgeschirr usw. angebracht war. Die Jause wurde von jedem Kind in einem kleinen geflochtenen Umhängekörbchen mitgebracht. Meist bekam ich ein Stück Brot und einen Apfel von daheim mit. Nach dem Mittagessen wurden Decken auf die hölzernen Pritschen gelegt und wir mussten schlafen. Das machte uns weniger Spaß. Gegen Ende des Krieges, nachdem der Kindergarten im Lager aufgelöst worden war, gab es einen neuen. Dieser war in einer Baracke neben dem Gemeindehaus untergebracht. Hier besuchte mein Bruder Robert den Kindergarten. Obwohl ich schon in die Schule ging, kreuzte ich gerne dort auf und spielte mit. Wir bekamen täglich einen Löffel für unsere Gesundheit: abwechselnd Honig und Lebertran – und zwar alle Kinder mit demselben Löffel.
Mein Schulweg war etwa 3 Kilometer lang und unterwegs kam eine große Anzahl von Schülern zusammen, die dann gemeinsam in die Schule nach Leibnitz trottete. Selbstverständlich hatten wir alle kurze Hosen an und gingen barfuß. Wenn der Asphalt im Sommer heiß und weich geworden war, stiegen wir barfuß in diese pastose Masse. Etwas davon blieb dann natürlich auf unseren Fußsohlen kleben, das war dann unser „Hufbeschlag“. Hie und da fuhr ein Bauer mit seinem Ochsenwagen in die Stadt zum Einkaufen und wir durften aufsitzen. Eilig durfte man es aber nicht haben, denn zu Fuß wären wir schneller gewesen. Auf dem Nachhauseweg fiel uns unterwegs natürlich so manches Spiel ein, sodass es etwas länger dauerte, bis wir daheim ankamen. Bei der „Pelzmanngrube“, eine Abfallgrube, gab es einen kleinen Steilhang. Wir stöberten in den Abfällen und fanden oft etwas, womit man spielen konnte. So entdeckten wir einmal eine große Bratpfanne, die schon sehr löchrig war. Einer von uns kam auf die Idee, sich in diese Pfanne zu setzen und damit den Steilhang runterzurutschen. So rodelten wir einen ganzen Nachmittag lang in dieser Schottergrube.
Die Winter waren meist lang und sehr kalt gewesen. Jede Familie hatte üblicherweise nur einen beheizten Raum. Schlafzimmer wurden auch im kältesten Winter nicht geheizt. In dieser Zeit gab es keine Isolierglasfenster, sondern die sogenannten Wiener Fenster. Im Sommer war ein Fensterflügel an der Stockaußenseite eingehängt, im Winter ein zweiter an der Stockinnenseite. Die dazwischen liegende Luft bildete eine Isolierschicht. Zwischen die Fenster wurden dann auf der Unterseite noch Pölster oder Decken gelegt, um die Spalten etwas abzudichten. Die im warmen Raum befindliche Feuchtigkeit schlug sich an den kalten Scheiben nieder. Sie vereisten und es bildeten sich wunderschöne Eiskristalle. Wenn es besonders kalt war, konnte die halbe Fensterscheibe vereisen und wir zeichneten oft Figuren mit unseren Fingernägeln rein.
Im Jahr 1944 fiel uns auf, dass relativ häufig Lastwagen aus der Richtung Dorf-Wagna kamen, die Metallspäne geladen hatten. Oft sah man auf diesen Wagen auch Leute mit gestreiften Hosen, Jacken und runden Kappen hocken. Diese Autos transportierten Drehspäne aus Aflenz zum Leibnitzer Bahnhof. In Aflenz befanden sich große unterirdische Steinbrüche, die schon in der Römerzeit intensiv genutzt wurden. Alle Fabriken, welche Waffen oder andere kriegswichtige Erzeugnisse herstellten, wurden schon lange intensiv bombardiert und mussten daher in unterirdische Lokalitäten verlegt werden. Auch die Puchwerke in Thondorf, in denen unter anderem Flugzeugmotoren erzeugt wurden, waren ein ständiges Angriffsziel der alliierten Bomber. Der Aflenzer Römersteinbruch wurde daher entsprechend ausgebaut und die Produktion eines Teiles dieses Werkes hierhin verlegt. Beim Dorf Wagna wurde eine Haltestelle der Eisenbahn eingerichtet, um die Arbeiter besser ins Werk bringen zu können. Für mich hatten diese Menschen in ihrer gestreiften Kleidung etwas Geheimnisvolles an sich, denn man sprach nicht darüber. Es wäre ja wohl auch gefährlich gewesen, darüber ein Wort zu verlieren oder die Armen gar zu bedauern. Sie galten ja im Wesentlichen zumindest als Volksschädlinge, wenn nicht gar als Volksverräter. Die Erwachsenen werden wohl gewusst haben, dass es sich dabei um KZ-Häftlinge handelte und dass diese unter sehr harten Bedingungen und unter brutaler SS-Bewachung arbeiten mussten. Ich glaube aber nicht, dass jemand bei uns von den Vernichtungslagern wusste, die die SS im Osten betrieb und wohl auch nicht von den Zuständen und mörderischen Arbeitsbedingungen, die in den anderen KZs herrschten. Der Krieg kam langsam näher. So um Ostern erlebte ich einen derartigen Tieffliegerangriff selbst mit. Ich stand bei der großen Eingangstür zum „Zweierbau“. Vor dem Haus befand sich ein kleiner Park mit hohen Lindenbäumen. Ich beobachtete, wie in mittlerer Höhe zwei oder drei Jagdflugzeuge kurvten und dann plötzlich verschwanden. Ich hielt sie für deutsche Jagdflugzeuge. Auf einmal hörte ich es brausen und sah ein Flugzeug so niedrig über die Bäume in meine Richtung heranrasen, dass ich sogar den Piloten drin sehen konnte. Ich sprang sofort reflexartig hinter die Tür. Da war die Maschine aber schon über das Haus hinweggebraust und Sekunden später hörte ich das Rattern der Bordkanone. Das war der Beweis, dass es sich um eine feindliche Maschine gehandelt hatte. So nah hatte ich noch keinen Jagdbomber gesehen. Bald darauf erfuhr ich, dass in Wagna eine Lok mit einigen Waggons aus Retznei in Richtung Leibnitz unterwegs gewesen war. Sie wurde von diesem Jagdbomber beschossen. Dabei kamen der Lokführer und der Heizer ums Leben.
Am Ostersonntag, den 1. April 1945 waren Unteroffiziere bei uns und wir Kinder waren mit ihnen und unseren Eltern und anderen Hausleuten gerade im Park bei der Eiersuche. Es gab wieder einmal Fliegeralarm. Wir blickten natürlich in den Himmel und sahen bald darauf Welle auf Welle von Bombern daherkommen. Da es ein sehr großer Verband mit mehr als 100 Bombern war, vibrierte die Luft schon einige Zeit, bevor sie sichtbar wurden, vom dumpfen Brummen der Motoren. Dieses Geräusch kannten wir schon lange. Die Flugzeuge erschienen in Gruppen von jeweils 7 Flugzeugen. Eine nach der anderen. Nachdem wir bemerkten, dass es ernst wurde, eilten wir in unseren Luftschutzkeller. Noch bevor wir das Haus erreicht hatten, hörten wir es pfeifen und kurz darauf die erste Detonation, die den Boden erzittern ließ. Im Keller saßen wir dann mit den Leuten aus unserem Haus in Angst und zitterten. Einige Frauen weinten, andere beteten. Es war mir sehr unheimlich und auch ich hatte ein sehr banges Gefühl, denn jede neue Ladung Bomben ließ den Boden und unser Haus erbeben und es knarrte und knirschte. Der Spuk schien uns endlos zu dauern und war in Wirklichkeit wahrscheinlich recht bald vorbei. Als der Bombenhagel aufhörte und nach einiger Zeit Entwarnung gegeben wurde, sah man durch die Rauchentwicklung, wo die Bombardierung erfolgt war. Es war die Eisenbahnbrücke zwischen Wagna und Retznei, auf die eine große Anzahl von Bomben gefallen waren. Keine einzige von ihnen hatte die Brücke selbst getroffen, rundherum gab es jedoch eine Kraterlandschaft, in der die Bäume zerfetzt kreuz und quer lagen. Das bombardierte Gebiet wurde gesperrt, da es bei jedem Luftangriff Blindgänger gab. Das waren Bomben, die nicht explodierten. Sie stellten eine große Gefahr dar, da sie schon durch eine Kleinigkeit in die Luft gehen konnten.
Als das Kriegsende bevorstand, beauftragte der Bahnhofsvorstand Gubisch etwa Mitte April einen Eisenbahner-Kollegen meines Vaters, für seine Familie ein Fluchtquartier in den Bergen zu suchen. Mein Vater bat ihn daraufhin, dasselbe für uns zu tun. Dann organisierte Vater etwa vierzehn Tage vor Kriegsschluss noch den Pferdewagen der Pelzmann-Mühle und wir zogen mit den notwendigsten Dingen über Altenmarkt und Rettenbach nach Schönegg bei Frauenberg ab. Wir kamen beim Anwesen einer älteren Frau unter. Sie hatte mit unserer Einquartierung natürlich keine rechte Freude. Ihr Sohn war auch zum Militär eingezogen worden. In der Tenne stand ein großes Fass, in dem Kriecherln, Zwetschken und Kirschen eingemaischt waren, um Schnaps zu brennen. Für mich war das etwas völlig Unbekanntes Einige Häuser weiter war die Familie Gubisch mit dem Sohn Wolfgang, der um einige Jahre älter als ich war, einquartiert. Gubisch Wolfgang und ich verbrachten die meiste Zeit zusammen und streiften in der näheren Umgebung umher. Am Abend, wenn es ganz ruhig war, hörte man von der Front bei Radkersburg und Mureck die Maschinengewehre rattern und zuerst das Aufblitzen und dann die dumpfen Abschüsse der Geschütze am Horizont. Es war unheimlich und man musste damit rechnen, dass die Front in Bälde auch uns erreichen wurde. Von Leuten, die aus dem nunmehrigen Kriegsgebiet kamen, wurden schaurige Dinge über die Untaten der Russen erzählt. So wurden angeblich viele Frauen jeden Alters vergewaltigt und anderen die Brüste abgeschnitten. Männer, die sie antrafen, wurden auf der Stelle erschossen. Auch ein Cousin meines Vaters, der am Steinberg bei Feldbach Bauer war, wurde von den Russen erschossen. Sie hatten in seinem Haus ein Hitlerbild gefunden. Dieses hatte ein Feldbacher zusammen mit anderen Dingen bei ihm deponiert, da es ihm dort sicherer schien als in Feldbach selbst. Als dann der Waffenstillstand verlautbart wurde und schließlich in Kraft trat, fiel allen ein schwerer Stein vom Herzen. Gleichzeitig bangte man jedoch vor dem Ungewissen, das jetzt kommen werde. Den sowjetischen Soldaten eilte ja ein furchtbarer Ruf voraus. Gleich nach Ende des Krieges besorgte Vater ein Fuhrwerk und wir siedelten wieder nach Hause. Mutter, Tante Resi, Robert und ich gingen mit unserem Leiterwagerl, auf das ein Teil unserer Sachen gepackt waren, zu Fuß. Unterwegs begegneten wir schon den ersten Russen. Mutter war es dabei sicher nicht geheuer, denn Frauen waren immer gefährdet. Als wir daheim waren, warteten wir auf das Fuhrwerk. Es war schon sehr spät, als es in Wagna ankam. Das war sehr problematisch, da ab 20 Uhr eine Ausgangssperre verhängt worden war. Es stellte sich heraus, dass der Wagen unterwegs einen Schaden erlitten hatte. Alle Hausleute halfen mit, den Wagen schnell abzuladen, sodass der Fuhrwerker mit seinem Pferdegespann gerade noch rechtzeitig nach Leibnitz zurückkam.
Die Russen räumten schon nach ein paar Tagen den Bulgaren das Feld. Die Bulgaren trieben eine große Zahl deutscher und ungarischer Kriegsgefangener ins ehemalige Militärlager und bald hatte es sich im Ort herumgesprochen, dass diese Hunger litten. Wie einige andere Frauen, kochte auch meine Mutter einen großen Häfen Erdäpfelsuppe – etwas anderes hatten wir ja auch nicht – und ging dann mit mir zum Lagerzaun. Im Nu war eine große Menge Kriegsgefangener da, die ihre Hände herausreckten. Sie hatten Menageschalen, aus Zeitungspapier gemachte Becher oder auch nur die hohle Hand, mit denen sie versuchten, wenigstens ein bisschen Suppe und ein paar Brocken Erdäpfel zu bekommen. Sie wollten uns dafür Dinge geben, die sie später wahrscheinlich selbst noch bitter nötig hatten. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass sie schon eine Woche lang nichts mehr zu essen bekommen hatten.
Während dieser Zeit hörte ich einmal einen gewaltigen Explosionsknall und in der Gegend des Gasthauses Wiedenbauer stieg eine große schwarze Rauchwolke auf. Mutter hatte eine gute Spargelsuppe gemacht und den Häfen auf das Fensterbrett des Kinderzimmers zum Kühlen gestellt. Durch die Explosion wurde er hinuntergeschleudert und die Suppe war weg. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut. Es interessierte mich natürlich sehr, was die Ursache dieser Rauchwolke war und ich eilte hin, um etwas zu sehen. Neben der ehemaligen Bäckerei Lukanz hatte sich ein Haufen mit Munition befunden, der in die Luft geflogen war. Im Garten lag die Leiche eines bulgarischen Soldaten, der mit dem Rad gerade vorbeigefahren war. Den Mann hatte es in der Mitte auseinandergerissen und seine Eingeweide quollen hervor. Es war ein fürchterlicher Anblick, den ich lange nicht loswurde. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass zwei Buben aus Wagna bei einem Munitionshaufen herumgestochert hatten und dabei waren Minen explodiert. Von den beiden Buben fand man nicht mehr viel. Noch längere Zeit gab es immer wieder tödliche Unfälle mit Munition. Bei dieser Explosion wurde auch das Haus unseres Bäckers Lukanz, der drei Kinder hatte, schwer beschädigt und meine Eltern boten ihnen sofort Unterkunft und Hilfe an. Sie machten davon für kurze Zeit Gebrauch und das Dienstmädchen und Lukanz Seppi schliefen einige Tage bei uns. Ich weiß noch, dass meine Mutter dann aus Dankbarkeit etwas Mehl bekam. Die Mehlvorräte der Bäckerei wurden in unserem Luftschutzkeller gelagert, der versperrt wurde. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich auch, dass es bei Lukanz manchmal eine richtige Delikatesse gab, nämlich Brezen, auf die Zucker gestreut war. Das war allerdings wahrscheinlich erst einige Zeit nach dem Krieg.
Im Herbst begann dann auch für uns wieder die Schule. Die Engländer, die inzwischen Besatzungsmacht bei uns waren, hatten sich im Schulgebäude einquartiert. Die Volksschule wurde daher in das ehemalige RAD-Lager beim Sportplatz verlegt, wo wir in Baracken Unterricht hatten. Da es kein Heizmaterial gab, mussten wir anfangs Holz und Kohlen von zuhause mitbringen oder gingen auch klassenweise in den Wald, um Holz zu sammeln. Wir sammelten darüber hinaus auch so manches andere, denn es mangelte zu dieser Zeit an allem. Zum Beispiel Eicheln, um Ersatzkaffee zu machen, Bucheckern zur Fettgewinnung usw. Diese Ausflüge machten immer viel Spaß.
Am 23. März 1946 kam unser Bruder Wolfgang zur Welt. Meine Mutter hätte immer gerne eine Tochter gehabt und auch wir Buben wünschten uns eine Schwester. Unser Bruder Wolfgang hatte schöne Haare und Mutter ließ sie ihm lang und lockig wachsen. Er war das jüngste Kind im Haus und hatte eine sehr einschmeichelnde Art, sodass er überall sehr beliebt war. Wolfi war der geborene Techniker. Er marschierte in der ganzen Umgebung herum und bettelte um alte Uhren und anderes technisches Gerät, das er „reparieren“ wollte. Im Zweierbau befand sich ein pensionierter Eisenbahner namens Ortner, der Uhrmacher war. Er trug einen langen Schnurrbart und war eine Seele von Mensch. In seinem Garten hatte er sich eine kleine Holzhütte errichtet, die voll mit alten Uhren und Uhrbestandteilen aller Art war. Es machte ihm nichts aus, wenn ihn Kinder besuchten und ihm bei der Arbeit zusahen. Schon ich hatte ihm immer fasziniert zugesehen, wenn er sich seine Uhrmacherlupe ins Auge klemmte und mit Pinzetten und Sonden im Inneren der Uhren tätig wurde. Für Wolfgang war das natürlich ein Paradies und er ging nie von ihm weg, ohne irgendeinen alten Teil zu bekommen. Da ich in der Schule sehr gut war und auch meine Lehrerin dies sehr befürwortete, beschlossen meine Eltern, mich nach der Volksschulzeit in die Mittelschule nach Graz gehen zu lassen. Das war zur damaligen Zeit etwas ganz Besonderes, da es in der ganzen Steiermark nur wenige Mittelschulen gab. Die meisten Mittelschüler aus Leibnitz fuhren täglich mit dem Zug nach Graz und wieder zurück. Insbesondere dann, wenn sie schon eine höhere Klasse besuchten. Da ich immer schon ein eher schwaches Kind war und einen weiten Weg zum Bahnhof hatte, beschlossen meine Eltern, mich ins Marieninstitut ins Internat zu geben. So zog ich dann im Herbst ins Marieninstitut. Für meine Eltern bedeutete der Internatsaufenthalt eine große Belastung, da Vater nicht sehr viel verdiente und ich ja auch noch zwei Brüder hatte. Es trug zwar jeder die Kleidung des Älteren nach und Mutter nähte alles selbst, aber dennoch bestanden hohe Kosten. Wenn ich am Wochenende nach Hause fahren durfte, musste ich am Sonntag in die Messe gehen. In der Regel ging ich mit Mutter in die Kirchenbaracke im Spital, wo ein Kapuziner schon um sieben Uhr früh die Messe las. Lieber hätte ich um diese Zeit noch geschlafen. Meistens spielte eine Frau auf dem Harmonium, manchmal aber spielten zwei Mädchen auf der Geige. Nach der Mittelschule besuchte ich vier Jahre lang die HAK und schloss mit Matura ab. Im Oktober 1955 begann ich meine Tätigkeit bei der Steiermärkischen Bank Ges.m.b.H. in Graz und blieb dort, solange diese Firma bestand. Ich lernte meine Frau Trude kennen und wir heirateten am 15. November 1958, als sie bereits mit unserem ersten Sohn schwanger war.
Ernst Schaberl
ist am 13.12.1937 in Kapfenberg geboren und kurze Zeit später mit seinen Eltern nach Wagna gezogen, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Erinnerungen, u.a. an jene Zeit, hat er ausführlich dokumentiert und das Werk seinen Söhnen Peter und Martin mit den Worten „Meine Söhne haben in mir als Vater, der sie erzogen hat, indirekt und unbewusst Anteil an allem, was ich erlebt habe und was mich prägte. Ich hoffe und wünsche ihnen, dass es ihnen erspart bleibt, Krieg, politische Unruhen und Notzeiten zu erleben, wie ich sie geschildert habe“ gewidmet. Ernst Schaberl ist am 2. Februar 2005 in Graz verstorben.
Sein jüngerer Bruder Robert hat, in Einverständnis seiner Neffen, jene Aufzeichnungen der Marktgemeinde Wagna dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.