„Man darf nicht wegschauen, wenn andere leiden. Egal aus welchen Gründen. Das hab‘ ich damals gelernt.“
Franz, du hast als Kind die schlimmste, schrecklichste und dunkelste Zeit unserer Geschichte, unserer Gemeinde erlebt. Unmittelbar als Nachbar des ehemaligen KZ in Aflenz. Kannst du mir sagen, wie deine erste Begegnung mit den Thema Konzentrationslager, das erste Auseinandersetzen mit dem Thema KZ stattgefunden hat?
Ja es war eine große Versammlung im Gasthaus Sulmwirt, im Spätherbst 1943. Da wurden alle verpflichtend hinbeordert. Es waren eh fast nur Frauen, die Männer waren ja durchwegs einberufen. Da wurden uns schrecklichste Filme gezeigt von Untermenschen, Juden, von Schwerverbrechern und uns wurde gesagt, dass in Aflenz ein Konzentrationslager kommt. Und das sind alles Verbrecher und wir dürfen mit denen überhaupt keinen Kontakt haben. Also es gab dort schon die Androhung, dass jeder Kontakt gefährlich und mit Todesstrafe verbunden ist. Und die Leute haben sich beeindrucken lassen und zum Großteil auch geglaubt, was dort vorgeführt wurde. Das war so der Einstieg für die Vorbereitung der Errichtung des KZ.
Du hast gerade gesagt, da wurden Filme gezeigt. Jetzt sind wir das in Zeiten wie heute gewohnt, aber 1943 war Film ja nicht alltäglich.
Ja, ich hab da das erste Mal überhaupt einen Film gesehen. Im Krieg war ja Kino oder sowas sehr schwer möglich. Wir waren schon alle sehr beeindruckt. Die Bilder waren für uns neu und erschreckend und deinen wurde gesagt, dass alles, was gezeigt wird, stimmt. Viele haben daran geglaubt. Meine Mutter wurde gemaßregelt – da gibt es sogar ein Protokoll darüber – weil sie ungläubig dreingeschaut hat. Also die Leute sind genau beobachtet worden, ob sie darauf reagieren, was ihnen gezeigt wird. Die meisten haben sich wirklich davon überzeugen lassen.
Also das war die erste theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema KZ. Wie wars dann als die ersten Häftlinge gekommen sind?
Naja, schon im Dezember ist ein Vorkommando von Mauthausen gekommen. Die mussten einmal ihr eigenes Lager vorbereiten, d.h. dieses KZ wurde an der Grenze zu Retznei errichtet. Und zwar einfach ohne Fundament. D.h. die haben dort einfach Ziegel ausgelegt und haben Baracken daraufgestellt. Wie sie ihre eigenen Baracken gemacht haben, mussten sie dann das zivile Arbeitslager erbauen am anderen Ende der Gemeinde für die Bediensteten der Steyr-Daimler-Puchwerke.
Im Dezember 1943 war das?
Naja, das waren die Anfänge. Der Großteil der Häftlinge ist dann im 1944 gekommen.
Und war war mit jenen, die davor schon da waren? Wo haben die Häftlinge geschlafen?
Naja, es war rundum Stacheldraht und die haben im Freien geschlafen. Bei den Temperaturen. Es war schon schrecklich das zu beobachten.
Wie waren die Eindrücke? Was hat man sich gedacht, als die ersten Häftlinge gekommen sind? Hat man geklaubt, dass das Schwerverbrecher sind?
Der Großteil der Menschen hat das geglaubt. Anfangs wahrscheinlich wir auch. Also jene Familien, die später innerhalb der Postenkette gewohnt haben. Wir durften ja nicht weg. Wir mussten einfach wegschauen. Wir haben sehr bald gemerkt, dass das arme Menschen waren und keine Verbrecher. Also der Großteil zumindest. Das hat sich schon auch herumgesprochen. Aber manche haben es trotzdem nicht wahrhaben wollen und haben weggeschaut.
Als dann das Lager errichtet wurde, ist dann die Maschinenfabrik eingerichtet worden?
Ja, sie haben von Graz Thondorf das ganze Werk der Steirer-Daimler-Puch nach Aflenz verlagert. Und es sind schwere Fuhrwerke mit den Maschinen gekommen. Die Brücke in Aflenz war zu schwach. Die hat das nicht ausgehalten. Da haben sie die Häftlinge im Jänner 1944 in den Fluss gestellt und die mussten mit Baumstämmen von unten die Brücke stützen. Da hab ich meine ersten Toten gesehen. Die sind weggeschwemmt worden und sind am Ufer aufgeschlichtet worden und da hab ich vier oder fünf Leute dort liegen gesehen, schon steifgefroren und das waren wie gesagt die ersten Toten, die ich erlebt hab.
Du hast vorher gesagt, die Familien, die innerhalb der Postkette gelebt haben. Was kann man sich darunter vorstellen?
Es waren vier Familien. Und zwar: die Stolleneingänge sind tagsüber mit einer SS-Postenkette bewacht worden. Also die SS ist da gesessen, alle 50 Meter einer mit einem Maschinengewehr und hat aufgepasst, dass niemand flüchten konnte. Und auf den Baustellen selbst haben die Kapos regiert. D.h. die waren als Vorarbeiter sozusagen zuständig, dass dort gearbeitet wurde. Die SS ist außen rundherum gesessen und hat aufgepasst, dass niemand flüchten konnte. Und vier Familien – die Familien Toplak, Trampusch, Körbler und Mautner, die haben dort innerhalb der Postenkette gelebt am Eingang der Stollen und haben alles miterleben müssen, was da passiert ist und haben natürlich viel mehr gesehen, als andere, die außerhalb gelebt haben.
Warum hat man diese vier Familien, die dort gelebt haben, nicht einfach ausgesiedelt?
Die wollten ja alles geheim halten. Es sind ja Tarnnetze über die Stolleneingänge gelegt worden und die Familien wurden verpflichtet nicht darüber zu reden, was sie da sehen und hören. Und die meisten haben sich auch daran gehalten. Nur meine Mutter ist einmal dazugekommen, wie ein Häftling erschlagen wurde in unserem Hof und hat darüber geredet und wurde sofort verhaftet. D.h. es war wirklich so, wenn jemand darüber geredet hat, was er gesehen hat, ist er sofort verhaftet worden. Und meine Mutter war kurz im Konzentrationslager in Aflenz.
Noch einmal kurz zurück zu dieser Postenkette. Die waren da, um aufzupassen, dass niemand flüchtet. Was ist passiert, wenn man diese Postenkette verlassen musste?
Es hat mehrere Dinge gegeben. Häftlinge haben nicht so sehr versucht zu flüchten. Aber es hat SS-Bewacher gegeben, die sehr rigoros waren. Die haben Häftlinge gerufen und haben gesagt, sie sollen etwas holen…einen Apfel oder irgendetwas. Sie haben also bewusst irgendetwas außerhalb der Postenkette deponiert und den Häftling gezwungen, das zu holen. Ist er nicht gegangen, wurde er wegen Befehlsverweigerung erschossen. Ist er gegangen, ist er auf der Flucht erschossen worden. Also ich hab ein paar solcher Todesfälle miterlebt. Aber es waren nur gewisse SS-Leute, die das praktiziert haben.
Ich kenne das Manuskript zu deinem Buch. Da gibt es ein Kapitel, das heißt „Jeder Mensch stirbt anders“. Das klingt sehr nüchtern, wenn man das betrachtet. Wenn man dann aber die ersten Zeilen liest, dann weiß man, dass das nicht sehr nüchtern oder distanziert geschrieben worden ist, sondern dass du schon eine große Nähe zum Thema Tod für dich als Kind da war. Kannst du aus diesem „Jeder Mensch stirbt anders“ deine persönlichen Erfahrungen, deine persönlichen grausamen Erlebnisse aus dieser Zeit schildern?
Naja, die Erlebnisse haben mich sehr geprägt, denn ich wurde ja geholt zu solchen Exekutionen. Man hat die Mutter damit erpresst, damit sie schweigt. Ich wurde also geholt, wenn jemand erschlagen oder erschossen wurde. Ich hab das vielleicht 20 mal erlebt, ich hab nicht mitgezählt. Ich hab versucht, abzuschalten. Aber es dürfte zwischen 15 und 20 Mal gewesen sein. Und da hab ich wirklich festgestellt, dass die Menschen sehr unterschiedlich in den Tod gehen. Die einen haben das einfach über sich ergehen lassen, sie waren ja alle sehr geschwächt. Andere haben versucht lautstark gegen die Vorgehensweise zu protestieren. Aber da hab ich eben gemerkt, die Menschen sterben alle sehr unterschiedlich.
Die Menschen waren sehr geschwächt, harte Arbeit, es hat Schichtbetrieb gegeben. Einen großen Anteil zu dieser Schwächung der Menschen hat die Versorgung beigetragen. Wie hat die Versorgung im Lager Aflenz ausgesehen?
Naja, sie haben einmal im Tag eine Suppe gekriegt. Das war bekannt. Sonst wenig, also sie waren alle sehr geschwächt. Ich hab einen Vorfall erlebt, da wurde der Hund des Nachbarn bei einer Sprengung erschossen oder verletzt. Die Häftlinge haben gebeten, den Hund zu bekommen. Das war ihre einzige Möglichkeit, dass sie einmal ein Fleisch bekommen haben. Das war ja an und für sich nicht vorgesehen. Und sie haben den Hund also wirklich als Proviant gebraucht. Aber wie gesagt, im übrigen war das eine Rübensuppe, die sie irgendwann am Tag gekriegt haben. Natürlich war das bei der Schwerarbeit tödlich und es sind auch Häftlinge aus Erschöpfung gestorben, also nicht nur erschlagen oder erschossen worden.
Zum Thema Versorgung gibt es auch großartige Geschichten zum Thema Zivilcourage. Da gibt es die Geschichte mit dem Kartoffelkeller. Kannst du die erzählen?
Wir haben neben dem großen Stollen einen kleinen Stollen gehabt, den wir für die Ablage von Äpfeln und Kartoffeln verwendet haben, weils schön kühl war. Und zwischen diesem kleinen Stollen und dem größeren Stollen – das war die Höhle Nummer 3 – hat es einen schmalen Spalt gegeben. Der war so schmal, dass nur ein Kind durchkonnte. Und die Nachbarin, eine Frau Sommer, kommt zur Mutter, das war im Sommer 1944 und sagt, ihr seien die Kartoffeln ausgegangen. Sagt die Mutter, sie soll runter in den Kartoffelkeller gehen, weißt eh, wo der ist. Sie kommt zurück und sagt: da sind keine Kartoffeln. Wir sind dann schauen gegangen und es war alles weg. Also Äpfel und Kartoffeln. Wir sind dann draufgekommen, die Häftlinge waren so mager, dass sie durch den schmalen Spalt gepasst haben. Die Mutter hat uns dann mit Milchkannen zu den anderen Bauern geschickt und wir haben dann jede Woche 10 bis 20 Kilo Kartoffeln heimgebracht und sie im Keller deponiert und am nächsten Tag waren immer alle verschwunden. Also wir haben auf diese Art versucht, Häftlinge zu versorgen und es ist niemand draufgekommen. Ist klar, weil wir das mit Milchkannen gemacht haben. Sonst wär es ja aufgefallen, dass eine vierköpfige Familie in der Woche so viele Kartoffeln braucht. Aber das ist völlig unbemerkt geschehen.
Und hat es da jemals Zeichen der Häftlinge in eure Richtung gegeben?
Ja, also wir haben schon gemerkt…also es war so, auch unter der SS-Besatzung waren einige, die weggeschaut haben. Das haben wir sehr bald überrissen. Wann wir mit Häftlingen reden konnten und wann nicht. Es waren vier oder fünf von den Bewachern dabei, die das toleriert haben. Und bei der Gelegenheit haben wir den Häftlingen erstens ein Brot oder was geben können und zweitens haben wir erfahren, was die wirklich erlebt haben und denken. Und wir sind auch draufgekommen, wieso manche im Konzentrationslager waren. Ich habe vor allem Jugendliche erlebt, die sind im KZ gelandet, weil sie diese Umerziehung zu Germanen – da gab es so eine Aktion, da haben sie junge Leute, die germanisch ausgesehen haben, den Eltern weggenommen – die sind in ein Erziehungsheim gekommen, damit sie gute Germanen werden und wenn die geflüchtet sind vor lauter Heimweh sind sie dann im KZ gelandet. Also mit solchen Leuten haben wir auch reden können, wenn die SS weggeschaut haben. Und da haben wir auch immer wieder erfahren, welche Probleme sie haben und dass es uns schon gelungen, ihnen ab und zu was zu geben.
Diese Umerziehung, aber jetzt in einer anderen Form, hat man bei dir ja auch versucht.
Ja, ich wurde gemaßregelt, weil ich der einzige war in der Hauptschule, der sich geweigert hat, zur Hitlerjugend zu gehen. Also das war für mich einfach Horror, was da passiert ist. Ich mein ich hab damals nicht politisch gedacht, aber für mich war das unmenschlich, was da passiert ist. Und ich hab mich standhaft geweigert und hab dafür meine Ohrfeigen gekriegt, bin vorgeladen worden in den Retzhof – der hat damals dem Rittmeister Knapp gehört, also ein Nazi, der Stellvertreter vom Himmler war – und dort wurde ich auch befragt und ich habe „nein“ gesagt und dann durfte ich wieder zu Fuß heimgehen. Das hab ich ein paar Mal erlebt…das sind 6 Kilometer, das weiß ich heute noch. Aber das war für mich grundsätzlich, dass ich mich einfach geweigert hab. Und ich bin auch deshalb dann gemaßregelt worden…meine Mutter bekommt einen Bescheid, ich komm in ein Erziehungsheim, weil ich als schwererziehbar gelte. Sie geht zum stellvertretenden Reichsleiter, das war so der höchste Nazi im Bezirk, ein gewisser Herr Stift in die Wagnastraße und sagt: wenn mein Sohn ins Erziehungsheim kommt, gibt’s keinen Honig mehr. Ich war Bienenzüchter nebenberuflich. Das hab ich von meinem Vater, wie der eingerückt ist, übernommen. Wie er dann gehört hat, dass es keinen Honig mehr gibt, hat er gesagt, dass ich daheim bleiben darf. Also das war meine Rettung. Ich hätte wahrscheinlich so ein Erziehungsheim nicht überlebt.
Also gegen die Einweisung wäre eine Berufung nicht möglich gewesen?
Nein, sicher nicht.
Mit Argumenten wie dem Honig ist es aber gelungen. Der Honig bzw. die Bienenvölker waren ja nicht nur zur Versorgung mit Honig da, sondern da sind ja gewisse Dinge auch versteckt worden, oder?
Ja, aber das war dann schon nach dem Krieg. Wir haben ja die russische Besatzung hier gehabt und die wollten ja die Maschinen dort rausholen und die Russen haben alles eingesammelt…Fahrräder, Schmuck, usw. Und die Frauen sind draufgekommen, dass die Russen sich nicht zu den Bienen trauen. Ich hab 48 Bienenvölker gehabt und da sind sie von weit und breit gekommen und haben mir Uhren und Schmuck und andere Dinge gebracht, damit ich das zwischen den Bienenwaben verstecke. Und kein Russe hat das jemals gefunden. Wie die weg sind im Juli 1945 sind die Frauen gekommen, wollten ihre Sachen wieder haben. Nur ich hab das alles in beschrifteten Kuverts gehabt und die Bienen haben das Papier zerfressen und der Schmuck ist dort und die Uhren sind da gelegen, ohne Bezeichnung. Die Frauen waren aber sehr ehrlich. Es hat jede nur das genommen, was ihr gehört hat. Also es war eine Geschichte, die funktioniert hat.
Zurück zum Betrieb des Stollens bzw. zum Betrieb des Lagers. Zum Betrieb der Konzentrationslager gehörte ganz normal, dass Leute gestorben sind. Was ist passiert mit Menschen, die während des Arbeitsalltages im Stollen gestorben sind?
Die sind dort einfach irgendwo hingelegt worden und am Abend mit ins Lager geführt worden. Es hat so Eisenkarren gegeben, mit denen Material geführt worden ist im Stollen und damit hat man abends die Toten mit ins Lager führen müssen. Und sie haben eine watscheneinfache Methode gehabt, damit niemand flüchten konnte…jeder Häftling musste auf der Schulter einen schweren Stein tragen und am Abend ins Lager und am Morgen wieder zurück. Das heißt du kannst nicht davonlaufen, wenn du einen schweren Stein auf der Schulter trägst. Weil da waren zehn oder zwölf Bewacher und bis zu 800 Häftlinge. Wenn die auseinandergelaufen wären, wären viele mit dem Leben davongekommen, weil die mit dem schießen nicht nachgekommen wären. Aber durch den schweren Stein, den jeder tragen musste, war eine Flucht unmöglich. Das hat auch funktioniert. Es hat in der Form keine Fluchtversuche gegeben.
Wir haben im Jahr 2003 den Römersteinbruch vorbereitet für die Landesausstellung und wir haben dort einen Bereich von Steinen freigeräumt, wo wir dahinter dann plötzlich diesen Eisenkarren entdeckt haben. Damit hat niemand mehr gerechnet. Ich kann mich damals erinnern, dass ein Franz Trampusch damals sehr ruhig geworden ist, als er diesen Karren gesehen hat. Kannst du diese Emotion oder diesen Moment beschreiben?
Ja sicher. Das war für mich fast ein Symbol dafür, dass man solche Fahrzeuge verwendet hat, um Tote zu transportieren. Für mich war nicht der Transport von Geräten, sondern der Transport von Toten entscheidend. Und wie ich den Karren gesehen hab, hat mich das alles in der Erinnerung berührt und da sind mir einige Dinge in der Erinnerung wieder zurückgekommen. Sie haben ja die Toten zuerst ins Lager gebracht und dann nach Graz ins Krematorium, also sie haben sie verbrannt. Erst wie dann die Tiefflieger-Angriffe sehr stark geworden sind, ab dem Herbst 1944, hat man die Toten dann in einem Massengrab beerdigt und nicht mehr nach Graz geführt. Also das war der Unterschied.
In deinem Manuskript zum Buch gibt es ein Kapitel, das heißt „Die Außenseiter“. Das könnte auch Zivilcourage heißen. Kannst du uns ein bisschen was zum Thema Zivilcourage bei SS-Soldaten erzählen?
Naja, unter der SS hat es ein paar Leute gegeben, die weggeschaut haben. Und die mir auch erzählt haben, dass sie selbst Probleme haben, daheim eine Familie haben. Des waren aber volksdeutsche SS-Leute aus Rumänien, aus dem Banat und die hab ich dann später am Bach hängen gesehen. Die haben Selbstmord begangen, sie haben also nicht verkraftet, was sie da erlebt haben. Das war also die eine Geschichte. Die zweite: es hat einen Frächter namens Herbert Neubauer gegeben. Der hat mit dem Lkw Leute rausgeschmuggelt aus dem Stollen unter einer Plane und die sind dann geflüchtet zu den Partisanen aufs Gebirge. Der wurde aber dann verraten und ist ins KZ gekommen und ist dort gemeinsam mit dem späteren Bundeskanzler Alfons Lorbach in der Zelle gesessen, ist dann befreit worden. Und der Bundeskanzler wollte ihn dauernd ehren, aber er hat das abgelehnt. Er hat gesagt, er hat das gemacht aus Menschenrecht, aber nicht um geehrt zu werden. Also der ist gestorben, ohne jemals geehrt worden zu werden. Aber das war einer, der für mich ein Vorbild war, was Zivilcourage bedeutet, dass man unter dem Einsatz des eigenen Lebens versucht, andere zu retten.
Es gibt die Bücher mit den Namen der Häftlinge, es gibt Häftlingsbücher, es gibt die Transportlisten, es gibt Listen mit den Toten. Wir wissen nicht, ob die komplett vollständig sind. Aber es sind jedenfalls Teile vorhanden. Man liest dort Nummern, man liest dort Namen, man liest dort Geburtsdaten, man liest dort vielleicht, was mit den Häftlingen passiert ist. Was man dort nicht liest ist, wer diese Häftlinge waren. Welche Menschen das waren. Kannst du uns zu den Häftlingen etwas erzählen. Es gibt sicher welche, die man sich besonders merkt. Ich glaube da gibt es eine Geschichte mit einem Opernsänger?
Ja, es waren ja sehr unterschiedliche Häftlinge. Ein Teil waren ehemalige Spanien-Kämpfer. Die sind also quasi als politische Häftlinge da gewesen. Es waren Jugendliche, die aus einem Erziehungsheim geflüchtet sind und es waren auch sogenannte Rassenschänder da. D.h. Leute, die nicht germanischen Ursprungs waren und eine Frau geheiratet haben oder mit ihr verkehrt, das ist auch als Rassenschande deklariert worden und die sind auch im KZ gelandet. Die Geschichte mit dem Opernsänger war so: der letzte SS-Kommandant war ein Paul Rieken. Der war vom Zivilberuf Musikschuldirektor und der war so ein Opernfan. Und wie der nach Aflenz gekommen ist, hat es auf einmal Opernkonzerte gegeben. Das heißt der hat von anderen Konzentrationslagern sich Opernsänger bringen lassen und die haben da am Abend immer singen müssen vor der Kulisse eines Stolleneingangs. Wir sind alle hingelaufen, weil für uns war das ja etwas Besonderes. Nur, wie der dann weg ist, also am 2. April 1945 sind die ja zu Fuß nach Ebensee marschiert, hat er auch die Opernsänger mitgenommen. Was aus denen geworden ist, weiß ich nicht. Aber jedenfalls es war eine Episode, wo jemand als privates Hobby praktisch Opernsänger nach Aflenz gebracht hat.
Diese Paul Rieken war, bevor er nach Aflenz gekommen ist, Leiter der Dokumentationsstelle des Konzentrationslagers in Mauthausen und ist maßgeblich beteiligt daran gewesen, dass es viele Bilder und Fotos aus Mauthausen gegeben hat. Gibt es aus dem KZ Aflenz auch etwas?
Dieser Paul Rieken hat sehr viel fotografiert. Das hab ich noch persönlich in Erinnerung. Nur, wie die wegmarschiert sind nach Ebensee am 2. April 1945 haben sie vorher am rückwärtigen Eingang des Stollens 1, also wo der römische Eingang ist in der steilen Wand der Sulmleiten, haben die alles verbrannt, was es an Dokumenten gegeben hat im Konzentrationslager. Auch seine Filme sind dort mitverbrannt worden. D.h. von ihm selbst gibt es aus Aflenz keine Aufnahmen, weil die dort verbrannt worden sind. Nur dieser Paul Rieken war dann der einzige von den SS-Kommandanten, die also lebenslange Haft in Nürnberg bekommen haben. Die anderen zwei, die vor ihm da waren, sind hingerichtet worden. Dieser Paul Rieken ist aber nach drei Jahren freigegangen, da hat der Erzbischof von Salzburg fast jede Woche dem amerikanischen Hochkommissar einen Brief geschrieben, was das für ein guter Mensch und guter Katholik ist, der sein Leben noch nie etwas angestellt hat und nach ein paar Jahren ist er entlassen worden. Er hat dann in Deutschland gelebt und war Vertreter für irgendwelche Geschichten. Also der ist völlig straflos praktisch aus der Geschichte rausgekommen, obwohl ich selber gesehen habe, wie er Leute erschossen hat. Also für mich war das ein Täter, wie andere auch.
Als es dann dem Kriegsende und dem Neubeginn für Österreich zuging, wurde das Lager evakuiert. Und die Häftlinge? Was ist mit denen passiert?
Die Häftlinge, die nicht marschfähig waren, wurden noch schnell umgebracht. Die sind dann am Friedhof in Ehrenhausen begraben worden in einem Massengrab. Die sind dann später nochmal exhumiert worden und in Graz dann in einer Gedenkstätte am Zentralfriedhof bestattet worden. Des waren die Häftlinge, die dort umgebracht wurden. Mit den anderen ist man losmarschiert. Es hat unterwegs mehr als 50 Todesfälle gegeben, das ist dokumentiert. Ein paar sind auf der Flucht erschossen worden, andere haben den Marsch nicht überlebt, weil sie zu schwach waren. Also es sind dann um 50 weniger in Ebensee angekommen, das ist auch bekannt. Und in Ebensee sind sie dann von den Amerikanern befreit worden.
Diesem Kriegsende geht natürlich auch viel voraus. Es ist ja nicht so, dass ein Krieg einfach von heute auf morgen beendet wird. Gerade im 2. Weltkrieg war es so, dass die Fronten immer näher gerückt sind in das deutsche Stammreich. Was hat man als Kind damals von dem Kriegsende mitbekommen?
Wir haben schon tagelang die Kanonen gehört und das war auch der Grund. Die Russen sind ja bis Bad Gleichenberg, Stranden gekommen und sind dort dann plötzlich stehengeblieben. Anscheinend hat es da Vereinbarungen mit den Engländern gegeben, ich weiß es nicht. Jedenfalls wir haben das gehört und wie die SS wegmarschiert ist, hat der sogenannte Volkssturm aufpassen müssen auf die modernen Maschinen, die in den Stollen waren. Da gibt es auch einen Todesfall. Und zwar gibt es eh eine Gedenktafel dort am Stollen 1. Da steht Max Hammerschmied erschossen 1945. Das war ein alter Volkssturm-Mann aus dem Bezirk Radkersburg. Der sagt am 7. Mai, was tun wir noch da, der Krieg ist eh verspielt, ich hör dauernd die Russen schießen. Daraufhin hat ihn einer erschossen wegen Wehrkraftzersetzung. Das heißt der Fanatismus führt dazu, dass Menschen nicht mehr denken können. Und das hat sich dort bewahrheitet. Ich geh nicht einen Tag, bevor der Krieg aus ist, glaub ich noch, dass der Krieg zu gewinnen ist und erschieße einen Menschen, der sagt, der Krieg ist verloren. Also das ist auch ein Zeichen dafür, wie Fanatismus die Menschen verändern kann. Dass sie nicht begreifen, was wirklich passiert.
Die Rote Armee der Sowjetunion ist dann immer näher gerückt. Hat es davor Bombenangriffe gegeben?
Ja und zwar, wir haben Flugblätter gefunden. Die Amerikaner haben von ihren Bombenflugzeugen raus ja Flugblätter abgeworfen, wo sie geschrieben haben, sie wissen, dass es in Aflenz ein KZ und eine Kriegsindustrie gibt, aber sie bombardieren nicht wegen dem Konzentrationslager. Aber sie haben die Sulmbrücke, also die Eisenbahnbrücke bombardiert. Und da sind auch einige Bomben daneben gegangen und wir haben auch Schäden von diesen Bomben gehabt. Aber die schlimmsten Geschichten haben wir erlebt, als Graz bombardiert worden ist am Ostermontag 1945. Das war glaub ich der größte Bombenangriff überhaupt auf Graz. Ganz Graz hat gebrannt. Wir laufen am Abend hinauf auf die Sulmleiten und haben nach Norden geschaut, weil der Himmel war blutrot, wie wenn ein Nordlicht dagewesen wäre. Und meine Mutter weint und die Nachbarin fragt, warum. Ja, weil Graz brennt und Leute sterben. Und die Nachbarin sagt, was geht mich Graz an, wenn ich dort keine Verwandten hab. Das hat mich als Kind so schockiert, dass ich das nie vergessen habe und es ist für mich irgendwie heut noch die Grundlage, dass ich sage, man darf nicht wegschauen, wenn andere leiden. Egal aus welchen Gründen. Und das Wegschauen ist meiner Meinung nach unmenschlich. Ich muss bereit sein, hinzuschauen, wenn jemand anderer leidet. Das hab ich damals gelernt.
Am 30. April 1945 hat sich Adolf Hitler in einem Bunker in Berlin erschossen. Die Nachricht ist dann relativ schnell verbreitet worden. Wie ist die Nachricht bei euch angekommen? Kannst du dich daran erinnern? Wie war das?
Eigentlich ist das kaum kolportiert worden. Es hat ein paar Nazis gegeben, die sehr schockiert waren. Einer davon war der spätere Vizebürgermeister Alexander Guidassoni, der war ja Nazi-Bürgermeister in Aflenz. Und dann hat es noch einen namens Kogler gegeben. Das waren so die Obernazi in der Gemeinde und da hab ich schon in Erinnerung, dass die sehr schockiert waren, wie sie das gehört haben. Der eine hat dann nach dem Krieg gleich wieder die Kurve gekriegt, der andere ist der beste Meßner geworden, den es in der Aflenzer Kapelle gegeben hat.
Am 8. Mai 1945 war dann der Krieg zu Ende. Jedenfalls wurden da die Kapitulationsurkunden unterzeichnet. Wie ist das bei euch aufgenommen worden?
Wir haben drei Besatzungsmächte bekommen. Am 8. Mai sind Bulgaren gekommen, eine zivile Partisanengruppe mit Pferdefuhrwerken usw. und wollten zu den Maschinen, aber die waren nur einen Tag dort. Dann sind die Tito-Partisanen gekommen. Die haben die Bulgaren verjagt und einen Tag später sind die Russen gekommen, die haben die Tito-Partisanen verjagt. Da heißt wir haben dann eine russische Besatzung gehabt in Aflenz. Die haben natürlich alles belegt. Also wir mussten am Dachboden schlafen, weil die Wohnung von den Russen belegt war. Und die Frauen mussten die Maschinen abbauen. Es waren ja noch keine Männer da, die waren ja noch irgendwo in der Gefangenschaft oder auf Flucht. Und die provisorischen Bürgermeister haben damals müssen Frauen organisieren. In Wagna war das der Raffolt Leo, Schlossermeister in der Marburgerstraße. Der musste an die 30 Frauen aus Wagna organisieren, die ja nicht freiwillig gegangen sind. Die mussten dazu gezwungen werden. Meine Mutter musste auch mithinein. Und ich bin mitgegangen, weil sie Angst gehabt hat vor den Russen. Und ich weiß, die Frauen haben die Maschinen zerlegt ohne Plan. Das war Eisenschrot. Die Russen haben das dann wegführen lassen und wollten dann alle Stollen sprengen. Sie haben riesige Sprengladungen angebracht an den Eingängen. Nur auf einmal sind eben Mitte Juli die Engländer gekommen und die Russen haben sich über Nacht zurückgezogen. Die Engländer haben sofort die Sprengladungen wegräumen gelassen und gesagt, das Material wird für den Wiederaufbau Österreichs gebraucht. So war es auch. Wie die Männer aus der Gefangenschaft zurückgekommen sind, ist sofort wieder gearbeitet worden. Das war dann die Nachkriegsgeschichte.
Dieser Tag, der 8. Mai, an dem die Nachricht gekommen ist „Der Krieg ist vorbei“, wie hast du den Tag erlebt? Wo hast du die Nachricht gehört? Wir war die Stimmung in Aflenz?
Wir haben nur gemerkt, dass die Bulgaren aufgetaucht sind. Wir haben keine Nachrichten gehabt, aber auf einmal waren Bulgaren da. Ich kann mich noch erinnern, im Obstgarten haben wir mit einer Heugabel dann die Haare weggeführt, die haben sich dort die Haare schneiden lassen. Also das war so der erste Eindruck. Die haben sich schön langsam wieder zivilisiert. Das waren Partisanengruppen, die wirklich noch aus den versteckten Gebieten, gekommen sind. Das waren die ersten, die in Aflenz aufgetaucht sind.
Was glaubst du, was dich persönlich am meisten bewegt hat in dieser Zeit?
Dass ich geholt worden bin zu Exekutionen. Das war die eine Geschichte. Und die zweite mit meiner Mutter bei den Bombenangriffen, wie die Nachbarin sagt: was geht mich Graz an, wenn ich dort keine Verwandten hab. Das waren so die zwei Erlebnisse, die mich dann geprägt haben, weil ich einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass der eine Mensch den anderen umbringt. Oder, dass ich wegschaue, wenn etwas passiert. Und das war für mich dann Anlass sehr viele Jugendgruppen zu gründen. Ich hab nach 1945 glaub ich zehn, zwölf Jugendgruppen und habe mit den Jugendlichen versucht, etwas zu unternehmen, damit sowas nicht mehr passiert. Das war für mich eigentlich die Hauptaufgabe, die ich gesehen hab nach dem Krieg.
Wie haben dich diese Erlebnisse geprägt, was hast du aus dieser Zeit mitgenommen und welche Botschaft gibst du unserer Generation, den Jugendlichen mit?
Ich war während der Kriegszeit ja sehr isoliert. Es hat sich keiner so richtig getraut mit mir zu reden, auch in der Schule war ich Einzelgänger, weil ich mich einfach geweigert habe. Und nach dem Krieg hat es genau das Gegenteil gegeben. Da hab ich sehr viele Kontakte gesucht, vor allem zu jungen Menschen und ich war sehr viel mit jungen Menschen unterwegs und das hat mich auch bewegt. Dass ich gemerkt habe, mit der Jugend kann man reden und mit der kann man etwas anfangen. Und so bin ich in eine politische Situation geraten, die mich dann das ganze Leben lang bewegt hat. Und heute auch noch. Ich kann nicht wegschauen, wenn irgendwo etwas passiert. Das bleibt. Das vergisst man nicht. Es gibt heute aber noch genug Leute, die das negieren und sagen: wir brauchen einen starken Mann. Und das ist das Problem. Ich brauche keinen starken Mann. Ich brauche Menschen mit starkem Charakter. Das ist ganz was anderes. Jeder, der nach einem starken Mann ruft, der hält nichts von Demokratie. Demokratie ist für etwas, was ich leben muss und nicht nur darüber reden und glaube da gibt es noch genug zu tun.
Noch kurz abschließend. Es ist fast unfair zu fordern in zwei Sätzen, sag uns bitte deine Botschaft in zwei Sätzen, die du aus dieser Zeit prägend mitgenommen hast?
Das Menschenleben ist so etwas Kostbares, dass niemand das Recht hat, andere umzubringen. Und: Man muss Menschen helfen, die irgendwo in Bedrängnis kommen, körperlich oder geistig oder auch finanziell. Das Helfen müssen, nicht wollen, ist etwas, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Für mich ist Wegschauen unmenschlich. Das ist die Devise, die ich einfach immer noch in mir habe.
Franz Trampusch
ehemals Bürgermeister und Ehrenbürger der Marktgemeinde Wagna, wurde am 26. Februar 1934 in der südsteirischen Gemeinde Ratsch an der Weinstraße als Kind des Winzerehepaares Franz und Amalia Trampusch geboren. Sein Leben wurde besonders durch Ereignisse des Jahres 1944 geprägt. In der damaligen eigenständigen Gemeinde Aflenz, heute Teil der Marktgemeinde Wagna, wurde in den bombensicheren historischen Bergwerksstollen eine kriegswichtige Fabrik zur Erzeugung von Panzer- und Flugzeugmotoren installiert. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen errichtet. Da Franz Trampusch plötzlich inmitten der Häftlinge mit seiner Familie leben musste, war er als Jugendlicher Augenzeuge von vielen Hinrichtungen. Über diese dramatischen Erlebnisse hat er viele Texte und Gedichte verfasst, die der Nachwelt erhalten bleiben. Der Großteil seiner Gedichte ist in den Jahren von 1944 bis 1956 entstanden. Für sein Werk „Kind im Stacheldraht”, in dem Trampusch seine persönliche Dokumentation über das KZ-Außenlager Aflenz darlegt, wurde mit dem Würdigungspreis vom Comité International de Mauthausen ausgezeichnet. Er starb am 21. Juli 2022.
Nachdem es leider nicht gelungen ist, mit Franz Trampusch ein Gespräch für das vorliegende Buch zu führen, sollen seine Erinnerungen in Form eines Interviews, das Bürgermeister Peter Stradner im Februar 2021 mit ihm geführt hat, wiedergegeben werden.