Erinnerungsort Wagna


GERTRUD HOLLER

„Lange Zeit blieb die Angst, wenn man das Murren von Fliegern hörte.“

Damals lebten meine Mutter und ich im Dorf Wagna im Haus Bordjan neben dem Gasthaus Bauer. Bis zu meinem zehnten Lebensjahr war das unser Zuhause. Eine kurze Begebenheit aus dieser Zeit habe ich noch lebhaft in Erinnerung.

Eines Tages zogen Partisanen ins Dorf ein. Jedes Haus wurde von Soldaten belagert. Meine Großmutter, ihre vier erwachsenen Kinder und ich hatten einen einzigen Raum zum Leben. Alles Essbare musste versteckt werden, da es sonst geplündert worden wäre. Meine Oma nahm also alle Gefäße und Kübel mit Schmalz und Verhackert und versteckte sie an einem geheimen Ort – in der Scheune, wo es einen schönen Holzboden gab, der unterhalb hohl war. Dort wurde alles „Bessere“ zum Essen versteckt. Später lachten wir alle darüber, weil ausgerechnet auf dem schönen Bretterboden dann die ganze Besatzung schlief. Zum Glück, ohne etwas zu bemerken.

Die Soldaten hatten keinen guten Ruf. Viele junge Mädchen trugen schmutzige, lange Kleider, um von ihnen „verschont“ zu bleiben und nicht belästigt zu werden. Das hörte man zumindest oft von den Leuten. Trotz ihrer „Tarnung“ kam es aber dennoch oft zu unangenehmen Vorfällen und Übergriffen, zum Leid und Schmerz vieler Jugendlicher. Meine Oma verstand sich jedoch gut mit den Soldaten. Sie empfand sie als erträglich. Sie hatten schöne Pferde mit komischen Holzwägen. Als ihr Dienst bei uns vorbei war, fuhr die ganze Kolonne voll besetzt mit Soldaten ab, jeder Wagen geschmückt mit einem großen Bild von Tito.

Auch an meinen Schulanfang erinnere ich mich gut. Obwohl ich erst Mitte Dezember sechs Jahre alt wurde, musste ich bereits anfangen. Die ersten zwei Jahre fand unser Unterricht im Assmann-Gebäude im ersten Stock statt. Erst in der 3. Klasse konnten wir dann in die Schule nach Leibnitz gehen, die zuvor von den Engländern genutzt wurde. Diese englischen Soldaten waren freundliche Leute. Trotz des Krieges lebten sie in Saus und Braus. Es gab oft Torten und die besten Mehlspeisen, manchmal verteilten sie diese sogar an die Einheimischen. Uns Kindern schenkten sie oft Süßigkeiten. Die Engländer waren wirklich nicht schlecht zu uns.

Ich erinnere mich gut daran, wie es war, als die Eisenbahnbrücke gesprengt werden sollte. Einige Flugzeuge näherten sich der Brücke. Alles war in Aufruhr. Beim Anflug war tosender Lärm zu hören.

Das gesamte Dorf versammelte sich beim Gasthaus Bauer am Heuboden. Mimi, die Tochter des Gastwirts, legte sich dicht gepresst in eine Furche im Acker, die beim Pflügen entstanden war. Ihr Vater Anton stand vor der Haustür und wartete gespannt auf das, was kommen würde. Nach einigen Minuten, die uns wie eine Ewigkeit vorkamen, hörten wir gewaltigen Lärm. Staub, Rauch, Angst, Tränen – der Staub umhüllte das gesamte Dorf und man konnte nur in die Weite von zwei Häusern sehen. Am nächsten Morgen, als die Angst nachließ, gingen viele nachsehen und stellten fest: Die Bomben hatten die Brücke knapp verfehlt. Die Bombentrichter sind aber noch heute zu sehen. Und lange Zeit blieb die Angst, wenn man das Murren von Flugzeugen hörte.


Gertrud Holler

ist am 12.12.1939 in Wagna geboren. Sie ist hier aufgewachsen, hat die von Angst geprägte Zeit des Krieges und die von Armut gezeichnete Nachkriegszeit erlebt. Sie hat Wagna nie verlassen, hat hier eine Familie gegründet und lebt noch heute in der Gemeinde.

Frau Holler lädt mich am 22. Februar 2022 zu sich nach Hause ein. Sie wohnt heute mit ihrer Familie in Aflenz. Aufgewachsen ist sie aber im Dorf Wagna. Sie hat zwei Blätter Papier vorbereitet, auf denen sie sorgfältig ihre Erinnerungen aufgeschrieben hat. Sie liest mir davon vor. Sie kann sich noch gut erinnern, dass sie als Kind oft vor Bombenangriffen gezittert hat. Schlimm war es, als die Eisenbahnbrücke zum Ziel werden sollte. Zum Glück wurde sie verfehlt. Die Angst blieb aber lange bestehen.   


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