„Ich kann mich noch erinnern an unsere ersten Winter. Da ist das Nachttopferl unter dem Bett eingefroren, so kalt war es.“
Ich wurde am 5. Juni 1947 in Wagna geboren und lebe seitdem in der Hauptstraße in Wagna. Meine Eltern stammen beide aus Leutschach und ich habe drei ältere Geschwister, von denen zwei bereits verstorben sind. Meine Volksschulzeit verbrachte ich bis zur vierten Klasse in Leibnitz. Durch die Scheidung meiner Eltern kam ich zu meiner Tante nach Kapfenberg und besuchte dort die Hauptschule. Später zog ich wieder zu meinem Vater nach Wagna. Nach meiner Schulausbildung absolvierte ich meine kaufmännische Lehre im Kaufhaus Kressnik. Anschließend arbeitete ich für ein Jahr in einer Grazer Firma und danach beim Konsum in Wagna. Später hatte ich für drei Jahre mein eigenes Geschäft im Haus Christof. Nach dessen Bankrott absolvierte ich die Krankenpflegeschule in Graz und war daraufhin 27 Jahre lang bei den Barmherzigen in Graz tätig, bis ich in Pension ging.
Der Konsum, den ich zuvor erwähnte, war bis etwa 1972 oder 73 in Wagna, danach wurde er nach Leibnitz verlegt. Der Friseursalon Rehak, bei dem auch einige Wagnarianer ihre Ausbildung machten, war in diesem Gebäude eingemietet. Der Christof, ein Geschäft, existierte bereits seit 1912 und war ursprünglich dort, wo später der Rehak war. Das Gebäude brannte jedoch nieder und sie kauften ein kleines Haus dort, wo später das Tanzcafé Franz entstand.
Ich erinnere mich noch an unsere ersten Winter in diesem Haus. Das Nachttopferl unter dem Bett fror ein, so kalt war es. Nichts war isoliert oder aufgeschüttet und die Bedingungen waren bescheiden. Meine Eltern hatten schwer zu bauen. Mein Vater arbeitete hart und meine Mutter fütterte Schweine, so gut es ging. Sie bauten unser Haus in einer Zeit, in der im Tausch für den Dachstuhl und das Dach zehn Schweine notwendig waren. Herr Wiedenbauer lieh meiner Mutter das Geld dafür, unter der Bedingung, dass sie ihm innerhalb eines Jahres zehn Schweine liefert. So wurde damals eben gebaut. Ursprünglich sollten auf unserem Grundstück in der NS-Zeit vier Behelfsheime für Kriegsinvalide errichtet werden. Die Fundamente und Keller wurden bereits fertiggestellt, aber dann endete der Krieg. Das ermöglichte uns, hier zu bauen. Da es sich jedoch um Pachtgrund handelte, tauschten wir ihn gegen einen anderen Grund in der heutigen Siedlungsstraße, um Eigentümer zu werden.
Als ich noch ein Kind war, befand sich neben unserem Haus ein Kindergarten in einer Baracke. Diese wurde dann ins Lager verlegt und so gab es draußen keinen Kindergarten mehr. Ich wollte eigentlich in den Kindergarten gehen, aber der Zugang zum Lager wurde mir verwehrt. Als ich ein Kind war, gab es noch drei Tore – das Haupttor war oben, wo sich das Spital befindet. Im Lager lebten Weißrussen, Gottscheer und verschiedene Gruppen von Volksdeutschen, viele aus dem Banat und aus Ruma. Die Volksdeutschen hatten damals im Vergleich bereits eine höhere Wohnqualität, obwohl 12 Leute in einem Raum lebten. Ich muss sagen, alle, die im Lager waren, waren äußerst fleißige Menschen. Sie arbeiteten einen ganzen Tag für zwei Kilo Erdäpfel. Wenn wir ein Schwein schlachteten, hatten wir meistens einen Fleischhacker aus dem Lager. Die konnten wirklich gut wursten. Wenn es im Lager bekannt wurde, dass wir schlachteten, standen die Leute mit ihren Milchkannen Schlange, um meine Mutter nach einer kleinen Portion Wurstsuppe zu fragen. Sie gab ihnen immer etwas ab, weil es sonst ohnehin schlecht geworden wäre. Zur Beerdigung meiner Mutter waren bestimmt 50 Volksdeutsche gekommen, weil sie immer etwas für sie übrig hatte.
Ich erinnere mich daran, dass es zur Zeit der Kommandantur der Engländer im Lager eine eigene Küche gab. Wir hatten Ziegen und die Milch lieferten wir ans Lager. Wir mussten hundert Liter Milch liefern und bekamen dafür drei Kilo Butter. Einmal weigerte sich der Koch, die Butter auszuhändigen, als meine Mutter ins Lager ging, um sie abzuholen. Er sagte einfach nein. Daraufhin fuhr meine Mutter nach Graz zur Kommandantur und meldete es. Dann fuhren sie gemeinsam hinunter und konfrontierten den Koch. Er wurde abgeführt. Meine Mutter hatte schließlich 100 Liter Milch geliefert, das war viel. Sie hatte Recht, das nicht einfach hinzunehmen. Im Großen und Ganzen waren die Engländer aber nett, besonders zu den Kindern. Sie schenkten ihnen oft Schokolade.
Im Jahr 1952 erkrankte meine Mutter an Unterleibskrebs und wurde operiert. Sie war eine der ersten, die mit Röntgen-Kobalt-Strahlen behandelt wurde. Damals überlebten nur 1 Prozent, aber meine Mutter kam gesund heraus. Während sie so krank war, wurde Frau Getto unsere Pflegemutter. Sie war sehr arm, immerhin musste sie sich bereits mit 16 Jahren um uns kümmern. Sie konnte kochen und backen wie eine Meisterin. Bei meiner Mutter zu Hause waren insgesamt 23 Kinder, darunter auch unsere Cousinen und Cousins. Frau Getto musste gleichzeitig zehn Schweine füttern, auf die Kinder aufpassen und kräftig auf dem Feld mithelfen. Ich bewundere das heute noch. Man kann schon sagen, dass es wirklich schwierige Zeiten waren damals. Mein Großvater wurde verschleppt und meine Großmutter kam nach Sterntal in ein Konzentrationslager. Dort sind Tausende gestorben und verhungert. Ich erinnere mich noch daran, wie sie die Landschabrücke sprengen wollten, um zu verhindern, dass die Russen rüberkommen konnten. Aber jemand hat den Plan verraten. Als die Russen schließlich da waren, ging eine Frau aus Leitring über die Brücke, um Milch für die Kinder zu holen. Sie wurde erschossen.
Helmut Gradischnik
ist 1947 in Wagna geboren und hier aufgewachsen. Noch heute lebt er in seinem Haus in der Hauptstraße. An seine Kindheit und das ‚Wagna von damals‘ kann er sich noch gut erinnern.
Am 5. Juli 2022 kommt mich Helmut Gradischnik im Gemeindeamt besuchen. Er erzählt mir von seiner Familie, wo und wie er aufgewachsen ist und wie es früher in Wagna ausgesehen hat. Helmut Gradischnik weiß noch sehr vieles, hat er doch mehr oder weniger sein ganzes Leben hier in der Hauptstraße verbracht – und somit vieles gesehen und erlebt. Auch ans Lager kann er sich erinnern, auch wenn er selbst als „Nicht-Lagerianer“ nicht reindurfte, Seine Mutter hat sich mit den Menschen, die im Lager untergebracht waren, aber gut verstanden. Sie hat an die Lagerküche Milch geliefert und den Bewohnern auch so regelmäßig etwas zu essen gebracht, wofür sie lange gut in Erinnerung blieb.