Erinnerungsort Wagna


Johann Gerhardt

„Als die Mutter uns sah, musste sie weinen, weil sie uns sechseinhalb Jahre nicht gesehen hatte.“

Am 21. April 1951 kam ich im Alter von zwölf Jahren mit meinem Bruder Raimund von Jugoslawien nach Wagna. Diese Zeit war für uns sehr hart. Meine Eltern, die 1938 geheiratet hatten, waren Landwirte. Mein Vater wurde erst zum deutschen Militär eingezogen, als es zur Pflicht wurde. Im Oktober 1944 marschierten die Russen im Banat ein und mit ihnen begannen die Folterungen und Morde an den Deutschstämmigen. Noch im selben Monat wurden 17 Männer aus unserem Dorf abgeholt, grausam gefoltert und dann erschossen.

Am 2. November wurde auch mein Großvater zu Hause abgeholt. Ich erinnere mich genau an diesen Tag. Die Partisanen kamen, mein Großvater wohnte zwei Häuser weiter. Ich rannte zu ihm und warnte ihn, aber er konnte sich nicht verstecken. Sie nahmen ihn mit in den Gemeindehof, zusammen mit 86 anderen Männern. Mein Großonkel, ein Pfarrer, weigerte sich, mitzugehen. Die Partisanen schlugen ihn bis vor das Gemeindehaus, misshandelten ihn und erschossen ihn dann. Sein Leichnam wurde zu den anderen 86 Gefangenen geworfen. Diese wurden in die Nachbarortschaft getrieben, grausam gefoltert und schließlich erschossen.

Eine Woche vor Weihnachten 1944 wurde meine Mutter mit anderen jungen Frauen nach Russland verschleppt. Die Kinder blieben bei den Großmüttern zurück. Im April 1945, mitten in der Nacht, kamen die Partisanen und nahmen uns alle mit. Wir durften nichts packen und wurden nach Mastorf gebracht. Es war kein Vernichtungslager, aber die Bedingungen waren entsetzlich. Die älteren Kinder und die Arbeitsfähigen mussten auf den Feldern arbeiten. Im November 1945 wurden wir dann nach Molidorf in ein Lager gebracht, eingezäunt mit Stacheldraht und Wachtürmen. Dort verhungerten unsere Großmütter im ersten Winter, auch ein Cousin von uns starb vor Hunger.

Das Leben in Molidorf war entsetzlich. Es gab kaum zu essen, hauptsächlich Gerstel- oder Erbsensuppe mit Maden obenauf. Wir waren ständig auf der Suche nach etwas Essbarem. Die Partisanen warfen ihre Essensabfälle in eine Grube und wir versuchten, etwas davon zu ergattern. Im Nu gab es in Molidorf keine Hunde, Katzen, Ratten und Spatzen mehr, es wurde alles vor Hunger gegessen. „Abgezogen haben wir die mit dem scharfen Rand von einem Konservendeckel. Sonst hatten wir ja nichts. Das Fleisch haben wir über Heu gegrillt, Brennholz gab es keines. Die Partisanen wollten nicht, dass wir überleben“, ergänzt Raimund Gerhardt. Menschen starben täglich an Unterernährung und Krankheiten wie Typhus, Malaria oder Wassersucht. Die Partisanen erschossen sogar junge Burschen, die aus dem Lager geschlichen waren, um in den umliegenden Dörfern zu betteln.

Nach dem Tod unserer Großmütter kamen mein Bruder und ich zu unserer Tante Anna, der einzigen verbliebenen Verwandten. Im Lager durften wir im Winter nicht heizen. Einmal schlichen wir uns in ein altes Haus, um Holz zu holen, aber die Partisanen erwischten uns. Wir dachten sie wollen uns erschießen. Sie zwangen uns dann stattdessen aber, uns gegenseitig zu schlagen. Wir entkamen mit dem Leben.

Im Sommer 1947 wurde das Lager aufgelöst. Vor der Abreise bekamen wir etwas Brot und eine Konservendose als Wegzehrung. Wir mussten zu Fuß zum nächsten Bahnhof gehen, wo wir stundenlang auf einen Zug warteten, der uns nach Betschkerek brachte. Dort stiegen wir in normale Viehwaggons um und fuhren nach Rudolfsgnad. Der Zug blieb stehen, die Leute schrien, aber niemand durfte aussteigen. Dann ging es weiter nach Gakowa, wo wir spät abends ankamen. Wir mussten uns eine Unterkunft suchen und nach einiger Zeit bekamen wir eine. In Gakowa erfuhren wir von anderen, die über Ungarn nach Deutschland oder Österreich gehen wollten. Wir konnten das aber nicht, weil unsere Tante zu schwach und mein Bruder und ich zu jung waren. Wir blieben also in Gakowa, bis das Lager im Jänner 1948 aufgelöst wurde.

Danach kamen wir nach Rudolfsgnad. Dort musste unsere Tante als Hilfskraft in einem Gasthaus arbeiten und mein Bruder und ich schlugen uns als Schweinehirt und Knecht durch. 1949 fanden wir bei einem kinderlosen Paar Unterschlupf, das uns sogar adoptieren wollte. Raimund Gerhardt: „Hier ging es uns nicht schlecht. Wenn Zeit war, durften wir sogar manchmal zur Schule gehen.“

Meine Mutter, die 1947 über Ostdeutschland nach Österreich kam, wusste nicht, wo wir waren. Es dauerte, bis sie uns über das Internationale Rote Kreuz ausfindig machte. 1951 erhielten wir einen Brief, in dem stand, dass unsere Mutter aus der Sowjetunion zurückgekehrt sei und in Österreich auf uns wartete. Es brauchte weitere Ansuchen, bis wir nach Österreich kommen konnten. Die ersten Transporte für Jugendliche waren erst im März 1950 möglich. Nach vielen Bemühungen unserer Mutter wurden wir in ein Sammellager nach Beograd gebracht. Von dort ging es über Kärnten in ein Lager, wo wir alle untersucht wurden. Am 21. April 1951 kamen wir in Graz an. Als unsere Mutter uns sah, musste sie weinen, denn sie hatte uns sechseinhalb Jahre nicht gesehen. Wir waren ärmlich gekleidet, mit einem Anzug aus einer billigen Decke genäht und einem Steirerhut, den sie uns geschickt hatte. Obwohl sie kaum Geld hatte, kleidete sie uns sofort neu ein.

Im Lager Wagna wollten sie uns zuerst keine Unterkunft geben, weil unsere Mutter bereits in Graz arbeitete, was zu dieser Zeit ungewöhnlich war. Zum Glück hatten wir Verwandte im Lager, bei denen wir wohnen konnten. Zehn Personen teilten sich ein Zimmer von etwa 24 Quadratmetern. Nach einem halben Jahr bekamen wir ein eigenes Zimmer in der Baracke 72, und 1952 schließlich eine Wohnung in der Baracke 62 mit einem Zimmer und einer Küche.

Mein Bruder und ich konnten im Lager Wagna zur Schule gehen. Unsere Tante Käthe arbeitete bei einer Lehrerin, die uns auch in den Ferien Nachhilfeunterricht gab und uns das Lesen und Schreiben beibrachte. Von 1952 bis 1953 besuchten wir die vierte Klasse noch in der Lagerschule, die dann geschlossen wurde. Ich, als der Ältere und über 14 Jahre alt, wollte nicht mehr in Leibnitz zur Schule gehen. Die Arbeit war aber knapp, die meisten über 14-Jährigen arbeiteten im ‚Jugend am Werk‘ in Wagna. Dort gab es eine Tischler- und eine Schlosserwerkstatt für die Jugendlichen ohne Arbeit. Ich half oft in der Gemeinde Leibnitz, entweder im Städtischen Bad oder im Marenzi-Park und verdiente so fünf Schilling Taschengeld pro Tag. Erst im Mai 1955 fand ich Arbeit als jugendlicher Hilfsarbeiter in der Dachdeckerei der Firma Wilhelm Altenburger. Anfangs gefiel mir die Arbeit überhaupt nicht, aber mit der Zeit entwickelte ich Interesse und wurde schließlich ein richtiger Dachdecker. 1959 machte ich meinen Führerschein. Im Dezember 1959 konnten meine Mutter und ich uns eine Eigentumswohnung mit zwei Zimmern, Küche, Bad und WC leisten. Im Frühjahr 1963 ging ich nach Deutschland zur Arbeit, wo auch mein Cousin Manfred mitging. Wir arbeiteten bei der Firma Junkers als Prüfer für Bosch-Waschmaschinen. Es war eine gute Arbeit, aber der Verdienst war gering. Nach zwei Jahren kehrte ich nach Wagna zurück, weil meine Freundin, die 1955 aus der Gottschee nach Österreich geflüchtet und im Lager Wagna untergekommen war, nicht nach Deutschland kommen wollte. Am 8. Oktober 1966 heirateten wir. Wir bauten ein Haus in der Flavia-Solva-Straße, in dem ich heute noch lebe. Mein Bruder Raimund wanderte nach Deutschland aus, wo er sich einen Namen als „Singender Sheriff“ machte und bis heute lebt.


Johann Gerhardt

geboren am 17.11.1938, verbringt die ersten Jahre seines Lebens gemeinsam mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Raimund und seinen Eltern in Heufeld, einer deutschen Siedlung in Serbien. Ende 1944 kommen jugoslawische Partisanen nach Heudorf. Seine Mutter wird zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt, sein Vater muss an die Front. Nachdem auch der Großvater von den Partisanen erschossen wird und die Großmütter wenige Jahre später in einem Lager in Molidorf verhungern, kommen Johann und sein Bruder zunächst bei einer Tante, später bei Bauern und einem kinderlosen Paar unter. 1951, nachdem die Mutter bereits in Österreich ist, kommen die Brüder ebenfalls hierher, ins Lager Wagna. Raimund Gerhardt wandert später nach Deutschland aus und macht sich hier als Schlagersänger einen Namen. Johann Gerhardt bleibt in Wagna. 

Johann Gerhardt empfängt mich am 4. Mai 2022 in seinem Haus in der Flavia-Solva-Straße in Wagna. Er hat sich gut auf meinen Besuch vorbereitet, einige Dokumente und Fotos von damals bereits herausgekramt. Außerdem hat er auf einigen Blättern Papier seine Erinnerungen aufgeschrieben. Es sind schmerzliche Erinnerungen an eine elternlose Kindheit, an eine elende Zeit, die von Hunger, Armut und Krankheit geprägt ist. Erst mit zwölf bzw. elf Jahren kommen Johann und Raimund Gerhardt nach Österreich. Hier dürfen sie ihre aus der Sowjetunion zurückgekehrte Mutter nach mehr als sechs Jahren wieder in die Arme nehmen. Sie kommen im Lager Wagna unter. Am 8. Juni 2022 darf ich Johann Gerhardt erneut besuchen, diesmal, um auch seinen Bruder Raimund, den ich aus Erzählungen bereits kenne, persönlich zu treffen.


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