Erinnerungsort Wagna


Josef Klapsch

„Eine Stunde, die ich nie vergessen werde.“

Am Ostersonntag – es war der 1. April 1945 – wurde die Eisenbahnbrücke in Wagna, die über die Sulm führte, vom Bombengeschwader der 12. US-Flotte bombardiert. Obwohl ich erst knapp über vier Jahre alt war, kann ich mich gut an dieses einschneidende Ereignis erinnern. Das Bombardement begann um 12:30 Uhr und endete um 13:30 Uhr. Ich saß auf einem mit Kartoffeln beladenen Wagen, der für das Auspflanzen am Feld bestimmt war. Plötzlich hörten wir Flugzeuglärm in sehr niedriger Höhe über unserem Haus und dem Dorf Wagna. In diesem Moment wussten wir nicht, was passierte. Doch dann krachte es fürchterlich und wir wussten, dass die weniger als einen Kilometer entfernte Brücke bombardiert wurde.

Wir flüchteten in unseren Hauskeller, aber alle Fensterscheiben zerbarsten in kürzester Zeit. Dann hieß es: Raus aus dem Keller! Im Dorf standen Militärlastwägen beladen mit Benzin und explosiven Gegenständen. Hätte eine Bombe im Dorf eingeschlagen, wäre es mit Sicherheit zu einer Katastrophe gekommen. Um das zu verhindern, verließen wir schnell das Dorf und flohen über die Wiese in den Wald. Hier suchten wir hinter einer großen Eiche Schutz, wie viele andere Dorfbewohner auch. Die Bomben schlugen vier- bis fünfhundert Meter entfernt ein, Steine flogen durch die Luft, es war ein fürchterlicher Lärm. Zum Schutz legten sich zwei Erwachsene – Arnold Brandl und Erna Freitag – über mich. Die Bombardierung dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Alles war voller Rauch und Gestank breitete sich aus. In dieser Stunde wurden 569 Stück 500-Kilo-Bomben von über 100 Flugzeugen Typ 119 B 24 in 14 Flugstaffeln abgeworfen, insgesamt 258 Tonnen Bomben. Die Eisenbahnbrücke wurde vom Volkssturm bewacht und ich glaube mich zu erinnern, dass es bei der Bombardierung einen Toten gab.

Trotz allem konnte die Brücke nicht vollständig zerstört werden. Einige Tage später wurde um 4 Uhr erneut eine Bombe abgeworfen, nur 50 Meter von unserem Haus entfernt. Der Schock war groß, aber sie landete in einem Bach und richtete zum Glück keinen Schaden an. Die Wälder und Wiesen um die Eisenbahnbrücke waren anschließend von Bombentrichtern übersäht. Anfang der 50er-Jahre wurden sie mit einer großen Planierraupe beseitigt, aber es sind bis heute noch fünf solcher Trichter zu finden. Heute können sich zumindest die Frösche darüber freuen, denn die Trichter sind wie kleine mit Wasser gefüllte Teiche.

Nach dem Krieg kaufte kein Holzhändler mehr Nutzholz aus der Umgebung der Brücke, da die umherfliegenden Bombensplitter tief in die Bäume eingedrungen waren und die Sägewerksmaschinen beschädigten. Es gab auch Blindgänger, ich erinnere mich an nicht wenige. Der letzte Blindgänger wurde während des Baus des Sulmkraftwerks gefunden und entschärft.

Text von Josef Klapsch, 7. Juli 2021.


Josef Klapsch vlg. „Greger“

(13. 2. 1941 – 6. 11. 2021) wurde am 13. Februar 1941 in Wagna als Sohn einer ortsansässigen Bauernfamilie geboren und war bis zu seinem Tod am 6. November 2021 als Dorfbauer von Wagna weithin bekannt und beliebt. Er engagierte sich auch politisch und war  insgesamt 16 Jahre lang als Gemeinderat der Marktgemeinde Wagna tätig. Dort kümmerte er sich besonders um bäuerliche Fragen und Grundverkehrsangelegenheiten. Für sein Wirken wurde ihm von der Marktgemeinde Wagna die Goldene Ehrennadel verliehen. Er war Mitglied in vielen Vereinen, so etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr Wagna, dem Österreichischen Kameradschaftsbund und der von ihm gegründeten Kapellengemeinschaft Wagna. Josef Klapsch war auch viele Jahre als örtlicher Chronist tätig. Er sammelte viele Unterlagen aus der Geschichte seines Ortes und seiner Familie. In seinem Wohnhaus hatte er ein großes geschichtliches Archiv und einen eigenen Raum eingerichtet, in dem er alte Gebrauchsgeräte aus dem bäuerlichen Leben zur Schau stellte. Den folgenden Text übermittelte er der Marktgemeinde Wagna zum Abdruck in der Gemeindezeitung. Er soll zum ehrenden Gedenken an Josef Klapsch in diesem Buch erneut Platz finden.


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