Erinnerungsort Wagna


JOSEF UND FRANZISKA WEIDINGER

„Wenn geschossen worden ist, haben wir uns halt geduckt“

Josef: Am 4. Jänner 1938 wurde ich in der Stube unseres Hauses am Hochweg 25, heute die Nummer 11, in Wagna geboren. Das Weidinger-Haus gehörte ursprünglich meinem Großvater, den ich aber nie kennenlernen durfte – er fiel im Krieg. Mein Vater kehrte ebenfalls nicht aus dem Krieg zurück, wurde jedoch nie für tot erklärt, nur als vermisst gemeldet. Nachzuforschen, wäre zu teuer gewesen. Im Weidinger-Haus lebten früher zehn Leute – drei Kinder, die Eltern und andere Leute unten in der kleinen Küche. Das kann man sich heute kaum vorstellen. Jeder benötigt heutzutage seinen eigenen Raum und alles Mögliche. Wir haben gemeinsam im Bett gelegen – einer quer, einer beim Kopf, einer bei den Füßen.

Franziska: Ich bin in Landscha aufgewachsen, in einem Zuhause mit acht Kindern, alle in einem Saal. In der Mitte stand der Kasperlofen und ringsherum waren die Betten wie in einem Spital. Einer beim Kopf, einer bei den Füßen. Wenn ich daran zurückdenke, war das eine wunderbare Zeit.

Josef: In die Schule ging ich in Leibnitz, an drei verschiedenen Standorten. Einmal hier, einmal da. Wir liefen auf einem kleinen Weg neben der Bahn entlang, um zu Schule zu gelangen. Wenn geschossen wurde, duckten wir uns. Einmal wurde die Lok neben uns getroffen, aber wir gingen trotzdem weiter. Wir lebten in ständiger Angst. Als sie uns ein andermal bombardierten, sind wir in den Wald gelaufen und versteckten uns im Laubhaufen.

Essen hatten wir kaum, nichts anzuziehen. Unser Gewand wurde aus alten Uniformen zusammengenäht. Wir aßen, was vorhanden war. Einen Garten hatten wir mit Paradeisern und Erdäpfeln. Oder wir gingen in den Wald und sammelten Beeren. Hendl und Eier hatten wir selbst. Meine Mutter ging zur alten sozialistischen Bürgermeisterin Steflitsch betteln. So bekam sie etwas Geld, Kinderbeihilfe. Das gab es vorher ja nicht.

Aber wenn man will, geht alles. Der Zusammenhalt war damals ganz anders als heute. Im Dorf kamen alle zu uns, wir waren eine Gemeinschaft, jeder half jedem. Schon als Kind arbeitete ich bei den Nachbarn, damit wir ein bisschen Geld bekamen.

Die Kinder der Geschäftsleute von Leibnitz haben meistens die Hauptschule besucht, wir hingegen acht Jahre Volksschule. Einen Lehrplatz zu finden war schwer. Man kam ja nirgendwo mit dem Rad hin. Also fuhr ich mit etwa 16 Jahren einfach mit dem Zug nach Graz, um dort Arbeit zu suchen. Dann begann ich bei einer großen Baufirma. Zuerst wusste mein neuer Chef gar nicht, dass ich keine Gesellenprüfung hatte. Ich kannte mich überall aus, machte alles, was anfiel. So ging es weiter.

Meine Mutter lernte über die Zeitung einen Mann aus Wies kennen. Sie wollte ihn herbringen, aber er wollte nicht von seinem Zuhause weg. Also zog sie zu ihm. Mit 16 oder 17 Jahren stand ich dann alleine da. Mit 20 lernte ich dann meine Frau Franziska beim Schantl in Landscha kennen.

Franziska: Ich war mit meinem Dati und meiner Schwester beim Buschenschank. Eine Gruppe Wagna-Buben kam auch vorbei und da haben wir uns kennengelernt. Sonntags gingen wir gerne in die Kirche in Leibnitz und dort trafen wir auch die Wagna-Buben. Sie luden uns danach in den Gasthof ein, so lernten wir zwei uns immer besser kennen. Mit 20 oder so, im Jahr 1960, heirateten wir. Zu dem Zeitpunkt war ich schon schwanger. Dann zog ich in das Haus am Hochweg, das aber schon wenig Platz für uns bot. Das zweite Kind war unterwegs und wir bekamen das Gitterbett kaum noch unter. 1963, kurz vor Weihnachten, zogen wir dann in das neue Haus ein. Es war aber noch halbfertig. Wir hatten nur einen Gasofen und alte Möbel. Alles machten wir Schritt für Schritt, je nachdem, wie der Sepp Geld verdiente. Aber bis heute mussten wir nie einen Schilling aufnehmen. Von Montag bis Freitag arbeitete mein Mann außer Haus und am Wochenende wurde daheim gearbeitet. Das war für mich – mit den Kindern, der Arbeit, dem Kochen für uns und die Arbeiter, die halfen – nicht einfach.

Josef: Wir machten alles selbst. Am Anfang hatten wir nicht einmal eine Mischmaschine, die liehen wir uns aus. 1963, als das Haus halbfertig war, verschlug es mich zur Eisenbahn. Die Arbeit war ruhiger und in der Nähe, aber ich musste von ganz unten anfangen. Später wollten sie, dass ich nach Graz gehe, weil sie begannen, Posten abzubauen. Überall sperrten sie zu. Mit 59 konnte ich zum Glück in Pension gehen. Am Anfang fehlte mir die Arbeit zwar, aber zu Hause gibt es auch immer etwas zu tun, wenn man will.

Ich war auch lang bei der Feuerwehr, trat mit 15 Jahren bei. In all den Jahren habe ich viele Jugendliche ausgebildet. Wir machten auch oft Ausflüge, für ein oder zwei Tage. Das war immer schön.

Franziska: Als die Kinder älter waren, trafen wir Frauen uns einmal wöchentlich nachmittags zum Handarbeiten in der Föhrenbaumstraße. Frau Trampusch organisierte das. Manche strickten Socken, ich nähte Tischtücher. Wir tranken Kaffee, tratschten – das war immer lustig. Einmal im Jahr organisierte Frau Trampusch einen Ausflug für die Gruppe. Wir besuchten Riegersburg und Zotter. Das war immer schön. Auch die Treffen mit den Pensionisten im Pflegeheim freitagnachmittags von 2 bis 4 Uhr waren immer sehr lustig und gesellig. Im Saal spielten drei Damen Harmonika. Herr Theußl, der beste Tänzer von Wagna, war immer dabei. Kaum spielten die Musiker auf, forderte er schon eine Dame zum Tanzen auf.

Josef: Wir beide haben früher auch gerne getanzt. Bis ich mir die Achillessehne riss, dann war es vorbei. Aber davor haben wir viel getanzt und sind immer auf Bälle gegangen.

Franziska: Der Ballsaal, wo jetzt das Café Hubmann ist, war der Ort für all die Bälle – Feuerwehrball, Maskenball, Seniorenball, SPÖ-Ball und vieles mehr gab es da.

Josef: Auch in den Gasthäusern gab es Faschingsrummel. Das war immer lustig. Dann suchten wir uns ein Kindermädchen für unsere Mädchen und wir beide gingen aus und genossen den Abend.


Josef Weidinger

(4.1.1938) ist in Wagna geboren und aufgewachsen. Sein Vater und Großvater sind im Krieg gefallen. 1960 hat er seine Ehefrau Franziska (1.2.1938) kennengelernt. Seit 1963 leben sie in ihrem Haus in der Hauptstraße Wagna. Die beiden haben drei Kinder, sechs Enkel und vier Urenkel.

Ich darf Josef und Franziska Weidinger am 9. Februar 2022 in ihrem Haus in der Hauptstraße besuchen und mit ihnen über ihre Erinnerungen an das „Wagna dazumal“ plaudern. Josef ist hier geboren und aufgewachsen. Er hat schnell selbständig werden müssen, immerhin ist sein Vater nie vom Krieg heimgekehrt und hat seine Mutter ein neues Leben, eines ohne ihn, mit ihrem zweiten Mann begonnen. Schmerzliche Erinnerungen kommen da hoch. Leicht gehabt hat er es schon als Schulbub nicht, wenn er sich am Schulweg vor einfallenden Bomben verstecken musste. Geld und reichhaltige Mahlzeiten waren rar – man muss sich mit dem begnügen, was da ist. Mit Anfang 20 lernt Josef zum Glück seine Frau Franziska kennen. Die beiden heiraten jung, ihre Anfangszeiten sind geprägt von bescheidenen Lebensbedingungen. Sie erzählen von ihrem Engagement beim Hausbau, den sie Stück für Stück angegangen sind. Das Ehepaar erinnert sich an eine Zeit, die von harter Arbeit, Entbehrungen, aber auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt geprägt war.


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