Erinnerungsort Wagna


LOTTE KRUG

„Alle Türen standen offen. Es war einfach schön, wie alle aufeinander geschaut haben.“

Ich lebe nun schon seit geraumer Zeit in Wagendorf, bin aber praktisch in Wagna aufgewachsen. Obwohl ich meinen Lebensmittelpunkt nicht mehr hier habe, ist Wagna für mich immer noch mein Zuhause. Unsere Wohnung befand sich in den Eisenbahnerhäusern gegenüber der Kirche. Auf der einen Seite lebte meine Oma, auf der anderen Seite wir. In den ersten beiden Schuljahren hatte ich das Glück, im Lager zur Schule gehen zu dürfen. Mein Vater, der später von 1968 bis 1974 Bürgermeister von Wagna war, kannte den damaligen Verwalter des Krankenhauses, der wiederum gute Beziehungen zum Verwalter des Lagers hatte. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, dort meine ersten beiden Schuljahre zu verbringen, bevor das Lager schließlich aufgelöst wurde.

Meine Erinnerungen an die Eisenbahnerhäuser sind wunderschön. Alle Bewohner waren wie eine große Familie. Alle Türen standen offen. Es war einfach schön, wie alle aufeinander geschaut haben. Man musste nicht weit gehen, um gemütlich beisammen zu sein – der Buschenschank war quasi gleich vor der Haustür. Das war wirklich herrlich. Meine Oma wohnte im ersten Eingang, Eingang A, während wir gegenüber im 26er wohnten. Mittags haben wir immer bei Oma gegessen. Nach den Gemeindesitzungen kam die Bürgermeisterin, Frau Steflitsch, zu uns. Sie setzte sich auf die Kohlekiste beim Eingang und es wurde ausführlich besprochen, was in der Gemeinde vor sich ging. Meine Oma und Frau Steflitsch waren dicke Freundinnen. Sie sind am gleichen Tag verstorben. Das glaubt man gar nicht.

Ich kann sagen, dass meine Kindheit in Wagna eine schöne Zeit war, in der alle Türen offenstanden. Der Hinterhof war riesig und es befanden sich Gemüsegärten dort, jeder hatte sein eigenes Beet zum Anbauen. Früher legten sich alle älteren Frauen nach dem Mittagessen hin und kamen gegen 3 Uhr nachmittags wieder heraus, um sich zu treffen. Abends um 6 Uhr trafen sie sich dann erneut im Garten, um zu gießen.

Im Jahr 1975 hat mein Vater in Wagendorf ein Haus gebaut, seitdem lebe ich hier.


Lotte Krug

ist 1944 in Wagna geboren und hier aufgewachsen. Ihre Großmutter war viele Jahre im Gemeinderat tätig, ihr Vater war von 1968 bis 1974 Bürgermeister der Gemeinde Wagna. Danach ist die Familie Nußhold nach Wagendorf gezogen. Nach wie vor fühlt sie sich sehr mit Wagna verbunden.

Ich darf Frau Lotte Krug, ehem. Nußhold, am 18. Februar 2022 in ihrem Haus in Wagendorf besuchen. Sie und ihre Tochter haben zuvor in den alten Sachen gekramt und einige alte Dokumente und ein Fotoalbum ausgegraben, das sie mir zeigen. Es ist geschmückt mit Aufnahmen aus Wagna, als Frau Krug im Kindesalter noch gemeinsam mit ihrer Familie bei den Eisenbahnerhäusern gewohnt hat. Daran verbindet sie schöne Erinnerungen. An die Gemeinschaft und den Zusammenhalt, den es gab.


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