„Wenn sie uns jemand anderen als Eltern hingestellt hätten, hätten wir das auch geglaubt. Wir haben sie nicht mehr erkannt.“
Ich wurde im November 1938 in Georgshausen im Banat geboren, nur 18 Monate vor meinem Bruder Georg. Es gab nur uns zwei, da unser Vater im Krieg war und die Mutter in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Das geschah unmittelbar nach Kriegsende, als die Russen alle Frauen zwischen 18 und 45 Jahren mitnahmen. Unsere Tante wurde nicht verschleppt, ihre beiden Töchter durften mit ihrer Mutter aufwachsen. Wir hingegen nicht. Das konnte ich nie begreifen. Unsere Mutter wollte bis zu ihrem Lebensende nicht zurück nach Georgshausen. Selbst nur in die Nähe der Grenze zu kommen, ließ sie schon zittern. Über diese Zeit sprach sie nie.
Trotz allem hatten mein Bruder und ich Glück. Als elternlose Kinder kamen wir ins Lager Rudolfsgnat. Alle Kinder waren in einer Art Halle untergebracht. Ich erinnere mich nicht daran, ob wir verpflegt wurden, aber wir versorgten uns selbst mit Sauerampfer, Kartoffelschalen und Abfällen. Es ist kaum zu glauben. Wir lagen auf dem Beton am Boden, neben uns starb jemand. Morgens kam der Leichenwagen und holte ihn ab. Ich hatte Blasen an den Füßen, weil ich unterernährt war und mein Bruder hatte deswegen einen Ausschlag am Kopf. Während dieser schlimmen Zeit hatten wir zum Glück aber Kontakt zu unseren Großeltern. Unser Großvater, der mehrere Sprachen sprach, wurde als Dolmetscher eingesetzt. Als er hörte, wie schlecht es uns ging, schaffte er es, uns herauszuholen. Im Herbst 1946 kamen wir zu unseren Großeltern nach Georgshausen. Danach versuchten wir mehrmals, aus Jugoslawien zu fliehen, bis es uns schließlich gelang. In der Nacht marschierten wir, tagsüber versteckten wir uns unter Brücken usw. Nach einem wochenlangen Marsch über Ungarn kamen wir endlich nach Österreich. Im Quarantänelager Straß waren wir nur eine Nacht, dort wurden wir untersucht und geimpft. Dann kamen wir ins Lager Wagna. Das war für uns wie der Himmel auf Erden.
Es ging uns oft besser im Lager als den Menschen draußen. Wir hatten ein eigenes Spital, einen Hort, eine Schule und eine Kirche. Wir bekamen Essen, mussten uns um nichts kümmern. Anfangs durften keine Wagnarianer oder Leibnitzer ins Lager. Ich weiß nicht warum, aber es gab kaum Kontakt zu ihnen. Sie merkten, dass wir eigene Einrichtungen hatten, schönere Straßen und vielleicht spielte ein wenig Neid mit. Meine Frau, eine Leibnitzerin, erzählte, dass sie Federn vor dem Lager Wagna hatten, solange sie uns nicht kannten. Dann merkten sie, dass wir uns gut verstanden. Wir haben schließlich die gleiche Kultur.
Beim Roten Kreuz suchte man nach Vermissten. Unsere Mutter, nach fünf Jahren in Kriegsgefangenschaft nach Ostdeutschland abgeschoben, erfuhr so, dass wir im Lager Wagna waren. Unser Vater hielt sich im Kärntner Hochgebirge versteckt. Auch er erfuhr, wo wir waren. Im Sommer 1950 kamen sie plötzlich. Ich war zwölf und mein Bruder zehneinhalb. Wenn sie uns jemand anderen als Eltern hingestellt hätten, hätten wir das auch geglaubt. Wir haben sie nicht mehr erkannt. Aufgewachsen waren wir mit den Großeltern. Der Großvater, ein liebevoller Mensch, starb 1949. Ich glaube, er dachte: ‚Jetzt sind sie sicher, jetzt kann ich gehen.‘ Er war etwas Besonderes.
Es war schön für uns, alles wurde für uns Kinder getan. Aber für die Erwachsenen sah es natürlich anders aus. Meine Mutter ging frühmorgens – wie auch viele andere – den Silberberg rauf, um nach Arbeit zu suchen. Sie erhielten jedoch keine Bestätigung, ob am nächsten Tag wieder Arbeit für sie vorhanden war. So musste sie es jeden Tag aufs Neue versuchen. Aber für uns Kinder war die Zeit im Lager wunderschön. In der Baracke 66 hinter dem Kommandantenhaus, wo 28 von uns in drei Räumen lebten, waren wir untergebracht. Vielleicht sind wir deswegen von Natur aus ein bisschen robuster. Später haben wir Schlafabteilungen selber gebaut mit Decken und Lattenrost. Man kann es wahrscheinlich kaum glauben, aber für uns Kinder war es wie im Paradies. Du hast die Tür aufgemacht und warst im Freien. Hier hat sich alles abgespielt. Das war ein Traum. Wir waren glücklich. Die Leute haben in ihrer Armut aufeinander geschaut und Rücksicht genommen. Wenn wir wieder ärmer würden, könnten wir vielleicht wieder zueinander finden. Im Lager waren alle gleich.
Matthias Divo
geboren am 16.11.1938 in Georghausen (ehem. Jugoslawien), ist gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Georg und seinen Großeltern ins Lager Wagna gekommen. Er verbindet jene Zeit trotz aller Widrigkeiten mit schönen Erinnerungen. Im Laufe seines Lebens war es sein Bestreben, die Zuwendung, die er als Kind erfahren durfte, zurückzugeben. Divo hat sich daher 25 Jahre lang im Leibnitzer Gemeinderat sozialpolitisch engagiert und war 23 Jahre lang Seniorenbund-Obmann. Gemeinsam mit seiner Ehefrau lebt er heute in Leibnitz.
Ich darf Matthias Divo am 4. Juli 2022 in seinem Zuhause in Leibnitz besuchen. Er begrüßt mich sehr herzlich und weiß vieles zu erzählen. Auch wenn die Zeit der Vertreibung und Flucht – zum Glück – schon lange zurückliegt, sind die Erinnerungen daran noch sehr klar. Unfassbares müssen Matthias und sein Bruder Georg im Kindesalter erleben, als sie in einem Lager für elternlose Kinder untergebracht werden. Hunger müssen sie leiden, Krankheit ertragen, Not und Elend hautnah spüren. Schon als junge Buben werden sie mit dem Tod konfrontiert – müssen zusehen, wie andere Kinder verhungern und die Leichen abtransportiert werden. Zum Glück gibt es die Großeltern, die Matthias und Georg noch rechtzeitig aus dem Lager holen können und sich mit ihnen auf den steinigen Fluchtweg nach Österreich begeben. Dort geht es bergauf, ist es im Vergleich zu vorher sogar „der Himmel auf Erden“. Da können die beiden wieder Kinder sein und trotz aller Armut viel Schönes erleben – und in guter Erinnerung behalten.