„Im Lager ist es uns im Großen und Ganzen schon gut gegangen.“
Ich bin in Osijek, Kroatien, geboren und kam als Kind mit meinen Geschwistern und meiner Mutter nach Österreich. Mein Vater lebte zu dieser Zeit in Deutschland. Wir waren vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben. Ich war der älteste Sohn, gefolgt von meiner Schwester, einer weiteren Schwester und meinem jüngeren Bruder – wir waren alle zwei Jahre auseinander.
Wir kamen ins Lager Wagna, wo mehrere Familien in einer Baracke untergebracht waren. Mein älterer Stiefbruder, der Russisch sprach, hatte die Situation im Griff, was uns das Leben erleichterte.
Die Lagerküche versorgte uns mit Essen, das meine Mutter für uns holte und in unserer Baracke auf das Fensterbrett stellte. Sie warnte uns immer davor, es anzugreifen, weil es noch heiß war. Einmal wagte ich es aber, das Essen zu nehmen und verbrühte mich dabei. Glücklicherweise gab es im Lager einen engagierten Arzt, der sich um meine Verletzung kümmerte. Das war ein guter Arzt, das weiß ich noch gut.
Im Lager ist es uns im Großen und Ganzen schon gut gegangen. Essen war vorhanden und viele Kinder spielten miteinander. Es gab regelmäßig Veranstaltungen wie Tanz, bei dem wir zuschauen konnten. Das Lagerleben war lebendig.
Ich weiß noch, dass es ein Gemeinschaftsbad im Lager gab und man sich anmelden musste, um zu duschen. Der Wärter achtete darauf, dass niemand zu lange blieb, da das Wasser ja erst erhitzt werden musste.
Ich erinnere mich an die vier Ausgänge im Lager, an denen man sich anmelden musste, wenn man zurückkehren wollte. Das Lager befand sich in der englischen Zone und die Engländer regelten alles. Sie waren besonders nett zu den Kindern und schenkten uns Süßigkeiten und Kaugummi. Meine Mutter hatte keine Arbeit im Lager, da sie mit uns Kindern genug zu tun hatte. Nach ihrem frühen Tod kamen wir ins Heim im Lager. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt ich zu dieser Zeit war. Aber dann waren wir vier Kinder auf uns allein gestellt. Mein Vater arbeitete zunächst bei der Polizei hier, ging dann aber nach Deutschland. Dort ist er geblieben und auch gestorben. Mein Stiefbruder ging ebenfalls nach Deutschland. Die Schwester Maria half bei den Armen und kümmerte sich um mich im Waisenheim im Lager. Zu meinem Geburtstag schenkte sie mir einmal eine Uhr – das werde ich ihr nie vergessen. Sie hat auf mich geschaut, auch das vergess ich ihr mein Leben lang nicht
Peter Schröpfler
ist am 13.05.1940 in Kroatien geboren. Gemeinsam mit seinen Geschwistern und seiner Mutter ist er ins Lager Wagna gekommen. Nach dem frühen Tod der Mutter wachsen die vier Kinder im Heim auf. Noch heute lebt Peter Schröpfler mit seiner Familie in Wagna.
Ich besuche Peter Schröpfler am 11. Mai 2022 in seinem Zuhause in Wagna. Seine Kindheit verbringt er im Lager Wagna, kann sich aber nur noch dunkel an früher erinnern. Es ist nicht leicht für ihn, zurückzublicken. Erinnerungslücken machen ihm zu schaffen. Nur wenige Momente von der Zeit im Lager hat er noch im Gedächtnis behalten – diese haben sich dafür tief eingeprägt.