Erinnerungsort Wagna


Robert Schaberl

Erinnerungen an das Wagna meiner Kindheit und Jugend

Die Hauptstraße führt von der Marburger Straße bis zur Josef-Maier-Straße und war zur Zeit meiner Kindheit noch eine befestigte Naturstraße in Makadam Bauweise. Entlang dieser führte zur Entwässerung ein beidseitiger Straßengraben, bestückt mit den Masten für die Elektrizitäts- und Telefonleitungen, auf denen in Abständen Schirmlampen für die Straßenbeleuchtung angebracht waren. Das Gras vom Straßengraben wurde gemäht und zeitweise als Hasen- und Ziegenfutter verwendet. Alle Häuser entlang der Straße waren bereits an das Wasser- und Kanalisationsnetz angeschlossen.

In den Wintermonaten gab es dazumal meist viel Schnee, so dass es immer ein schönes Erlebnis war, wenn sich mit einem Geklingel das herannahende Pferdegespann ankündigte, welches mit einem schweren, pfeilförmigen Holzpflug den Schnee von der Straße pflügte. Es fuhren danach noch Gespanne mit Kufen, auf welche wir Kinder zur Freude manchmal aufsitzen durften. Das Verkehrsaufkommen war noch gering, so dass wir gelegentlich auf der Straße Fußball spielten oder im Winter, wenn der Schnee darauf festgefahren war, es Glatteis gab, und wir – wenn noch nicht zu viele Rossknödl und Kuhfladen darauf waren – mit den Schraubendampfern, so nannten wir unsere Schlittschuhe, bis nach Leibnitz in die Schule kurvten.

Mit zunehmend motorisiertem Verkehr wurde jedoch der aufgewirbelte Staub zum Problem und man linderte dies, indem die Oberfläche mit Sulfitablauge getränkt wurde. Auf Gemeindegebiet waren dazumal einzig die Bundesstraße 67 in Kleinwagna und die Marburger Landesstraße asphaltiert, bis circa 1950 auch die Hauptstraße als erste Gemeindestraße einen Asphaltbelag bekam.

Am linken Eck zur Marburger Straße war die Fleischhauerei Bruckner mit dahinterliegender Schlachtbank und an der Verlängerung – bereits an der Marburger Straße gelegen – das zugehörige Gasthaus und folgend die Bäckerei Robnik. Etwas weiter das Schlachthaus mit dem Fleischhauer Saringer und die Gärtnerei Jarz. Nach der Fleischerei Bruckner kam das Areal des Barackenspitals, welches bis hin zur abgeschrankten Spitaleinfahrt noch unbebaut war. In der Portierloge, welche in die Verwaltungsbaracke integriert war, lösten sich die beiden kriegsinvaliden Herren Gradischnik und Freitag im Dienst ab. So wie diese beiden bekamen damals viele Kriegsinvalide nach dem Krieg Arbeitsstellen als Portier oder als Trafikant zugeteilt. Danach folgte noch eine Krankenbaracke an der Kirchengasse.

An der rechten Ecke zur Marburger Straße war die Tabaktrafik, welche von Hart Uigi geführt wurde. Der Holzhändler Maichenitsch baute daneben. Am Eck zur Pelzmann Straße gab es bereits ein Haus. Am folgenden Gelände, auf welchem seit ca. 1960 das neue Landeskrankenhaus steht, war zuvor ein Acker bis zum Wiesenstreifen mit einigen Linden gegenüber der Spitaleinfahrt. Angrenzend kam das Fußballfeld vom Sportverein Flavia Solva, hinter dem ein Weg entlang des Lagers bis zur Föhrenbaumstraße führte.

Danach kam der eigentliche Treffplatz mit der großen Linde vor dem Gasthaus von Simon Wiedenbauer. Die Jugend der Siedlungs- und Lagerbewohner traf sich dort anfänglich meist in getrennten Gruppen, durchmischte sich dann im Laufe der Zeit aber immer mehr. Der Sohn Fritz Wiedenbauer bediente im Gasthaus und dem dahinter liegenden Gastgarten. Dessen Schwester Frieda hatte im rechten Teil des Hauses einen kleinen Kolonialwarenladen. Simon Wiedenbauer war ein Geschäftsmann, betrieb auch eine Kohlehandlung und wechselte US-Dollar in Schillinge, wenn Lagerbewohner von ihren bereits ausgewanderten Verwandten welche zugeschickt bekamen. Im Gasthaus wurde ein neues Kino eingebaut, in welchem hauptsächlich Wildwestfilme gezeigt wurden. Auch eine moderne Kegelbahn gab es.

Gegenüber war die Bäckerei Lukas, welche danach von Gottfried Kappaun übernommen wurde. Im gleichen Gebäude war auch das Post- und Telegraphenamt von Wagna, welchem Herr Maritz vorstand. Anschließend war das Konsumgebäude, in welchem Lebensmittel und die wichtigsten Haushaltswaren angeboten und vom Leiter Herrn Konrad, seiner Frau und Frau Simonitsch verkauft wurden. Im rechten Teil war der Friseursalon Rehak, wo Herr und Frau Rehak, Herr und Frau Wutti und Frau Gretl Jost als Verschönerer dienten. In den darüber liegenden Stockwerken wohnten die Familien Konrad und Tölzer.

Nach dem Konsumhaus kam das Grundstück mit dem weiter hinten liegenden Haus von Familie Guss. Danach, an einem Vorplatz gelegen das Kaufhaus von Max Christof, in welchem es auch einen offenen Milchausschank gab. Aus je einem Aluminiumbehälter mit Mager- bzw. Vollmilch schöpfte Resi von da in unsere mitgebrachten Aluminium-Milchkannen die Milch und da man zu jener Zeit noch keine Kühlschränke hatte, konnte man im Sommer die Milch hier auch am Sonntagmorgen holen. Auch Max Christof führte eine Kohlehandlung und hatte ein Lastauto. Zusätzlich eröffnete er circa 1958 eine Bar mit Kaffeehaus und anschließendem Tanzraum, in welchem zu Wochenenden die Jugend dicht gedrängt nach Wurlitzer Musik tanzte. Das Lokal war weitum bekannt und beliebt. Selbst, als es später als „Tanzcafé Franz“ übernommen wurde, blieb es für lange Zeit sehr populär. Max Christof war auch ein großer Förderer des Sportvereins Flavia Solva und des Eisschützenvereins.

Nach dem Kaufhaus führte die Sackgasse nach hinten zur Posch Baracke, wo der Schuhmachermeister und spätere Bürgermeister Gottfried Posch seine Schumacher-Werkstatt hatte. Dann kam das Haus von einem Herrn Baron und das Hart-Haus an der Ecke zur Eisenbahnerstraße, wo die Familien Hart und Sladek wohnten. Frau Hart war Hebamme im Barackenspital Wagna und brachte mich dort am 14. März 1942 zur Welt.

Nach der Wiedenbauer-Kegelbahn standen zwei Einfamilienhäuser, danach eine Reihe von Weichselbäumen, wo dann bis 1960 von ehemaligen Flüchtlingen Häuser gebaut wurden. Am Eck zur Eisenbahnerstraße stand jenes von Frieda Wiedenbauer, in welches im Untergeschoss das Postamt einzog. Nach der Eisenbahnerstraße folgte ein Grundstück, welches ca. 1952 vom Eischützenverein gekauft wurde. Darauf wurde erst eine, dann eine zweite Eisbahn und folgend das Eisschützenhaus errichtet. Zum Schutz vor der Sonne wurde auf der Südseite der Eisbahn eine lange, hohe Bretterwand erstellt. Dahinter lag das Haus vom Leibnitzer Zimmermeister Scheibengraf, in welchem die Familie des Aflenzer Ziegelwerksbesitzers Alexander Guidassoni und in Folge die Familie von Drogist Götz und Ing. Hadt wohnten. Folgend befand sich das Haus von Harb, in welchem mein gleichaltriger, langjähriger Freund und Wegbegleiter Willi und seine Schwester Liane wohnten. Danach war ein Wiesenstreifen mit einem Weg in Richtung Lagerzaun und ein großes Feld, welches dazumal von Stolletz Hansl, dem Dorfwirt und Musikanten bewirtschaftet wurde. Auf diesem Gelände wurde dann die 1964 eigeweihte Pfarrkirche Wagna und folgend das Pfarrhaus, der Kirchturm und der Friedhof erstellt.

Linksseitig nach der Eisenbahnerstraße steht heute noch der Dreierbau – dazumal Hauptstraße 84 – in welchem ich mit meinen beiden Brüdern Ernst und Wolfgang aufgewachsen bin. Wir bewohnten die linksseitige Parterrewohnung, an welche ein kleiner, von einer Ligusterhecke umgrenzter Park mit Laube und zwei Tannengruppen mit Sitzbänken und Apfelbäumen angrenzte. Hinter dem Haus gehörten der Hof mit zwei Kirschbäumen, ein Lagerplatz fürs Brennholz, eine Aschengrube, zwei Wäschehängeplätze und der große Gemüsegärten dazu. Entlang dem Garten führte ein Weg zu den ebenfalls zugehörenden Schuppen und Hühnerhöfen, bis zurück zu den ebenfalls zugehörigen Feldern an der Kirchengasse. Im Dreierbau mit zwei Eingängen wohnten sieben Parteien, die meisten davon waren ältere Ehepaare. Während dieser Zeit wohnten da auch die Bürgermeister Karl Strohhäusl Senior, Frau Maria Steflitsch und Johann Nußhold.

Anschließend kam ein Feld von Karl Strohhäusl mit einer dahinter liegenden Hühnerfarm. Karl Strohhäusl jun. war Mechaniker-Meister, hatte da zuerst in einer Baracke eine Autoreparaturwerkstätte, welche später durch einen Massivbau ersetzt und mit einer DKW-Vertretung und einer Tankstelle erweitert wurde. Auch der zugezogene Arzt Dr. Ragwin Klaftenegger Senior, welcher kurze Zeit im alten Postamt ordinierte, baute dort ca. 1958 sein Haus mit Arztpraxis, welches von Nachbar Ing. Hadt entworfen wurde.

Im Gebiet des heutigen Gemeindezentrums war erst das Rüsthaus der Feuerwehr mit der Gemeindekanzlei und einer Wohnung. Dieser Bau wurde gelegentlich aufgestockt, mit mehreren Wohnungen ausgestattet, später abgerissen und durch das heute bestehende, neue Marktgemeindeamt ersetzt. Im vorderen linken Bereich gab es einen Spielplatz, welcher im Winter zeitweise auch zum Eislaufplatz aufgespritzt wurde. Für kurze Zeit war da auch eine Kindergarten-Baracke, danach ein neues, zweigeschossiges Wohngebäude, in welchem es auch einen Raum für Gemeindeversammlungen, Kinovorführungen und Zusammenkünfte der Kinderfreunde gab. Auch Herr Posch zog dort mit seiner Schuhmacher-Werkstatt ein. Heute steht an dieser Stelle der Kultursaal. Im hinteren Teil baute der Spitalportier Herr Gradischnik ein Haus mit Schuppen und Ziegenstall. Rechts von der Zufahrt zum Rüsthaus war eine Parkanlage. Wo heute das Haus mit den Alterswohnungen steht, gab es ein niedriges Mehrfamilienhaus.

Im großen Eckgrundstück zur Gemeindestraße, wo sich zuletzt das Postamt befand, stand ein Objekt, welches ca. 1950 komplett niederbrannte, obwohl es gegenüber dem Feuerwehrrüsthaus stand. Es war mein erstes Branderlebnis mit viel Triri Ttrara, Feuer, Rauch und Funken. Herr Ing. Auer baute danach an dieser Stelle sein Haus. In der Fortsetzung von da mag ich mich nicht mehr vollständig erinnern, da es nicht mehr in meinem Hauptbewegungsbereich lag.

Da ich seit 1964 im Ausland lebe, aber bis 2013 meine Mutter in Wagna regelmäßig besuchte, konnte ich die Entwicklung bis dahin noch teilweise mitverfolgen und meine Erinnerungen immer wieder auffrischen – Fehler sind jedoch nicht ausgeschlossen. Noch heute informiere ich mich über das Geschehen in der Marktgemeinde Wagna und bin sehr erfreut, welch fortschrittlichen, positiven Weg meine Heimatgemeinde beschritten hat


Robert Schaberl

ist am 14. März 1942 in Wagna geboren und hier gemeinsam mit seinen Eltern und seinen Brüdern Ernst und Wolfgang aufgewachsen. In seinen frühen Zwanzigern ist er zwar in die Schweiz ausgewandert, wo er heute noch lebt, verbindet aber nach wie vor gute Erinnerungen an seine Heimat Wagna.


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