Erinnerungsort Wagna


ROSALIA UND GEORG DIVO

„Das seh ich noch, als wär es gestern gewesen. Manche Sachen vergisst man nicht.“

Georg: Seit 1947 lebe ich in Wagna. Ursprünglich stamme ich aus dem Banat im ehemaligen Jugoslawien. Unsere Familie erlebte schwere Zeiten, als meine Mutter vertrieben und nach Russland verschleppt wurde und wir – das waren meine Oma, mein Opa, mein Bruder Matthias, ich selbst und meine Tante mit zwei Mädchen – von einem Ort zum anderen gejagt und in verschiedene Lager gesteckt wurden. Diese Erfahrungen vergisst man nie. Als Buben mussten wir beobachten, wie Tote mit dem Leiterwagen abtransportiert wurden. Wir hatten kaum etwas zu essen und mussten betteln, um über die Runden zu kommen. Ohne Eltern – meine Mutter war ja in Russland und mein Vater im Krieg – versuchte das Rote Kreuz uns in Waisenheimen unterzubringen. Doch unser Opa holte uns immer wieder zurück. Irgendwann wagten wir zu siebt die Flucht nach Österreich. Unser Glück war, dass unser Opa ein Dolmetscher war und vier Sprachen beherrschte. Er brachte uns durch. Wir flohen von einer Ortschaft zur nächsten, bis wir schließlich die ungarische Grenze erreichten. Es brauchte drei Anläufe, bis wir sie überqueren konnten. Immer wieder wurden wir erwischt, zurückgeschickt und landeten erneut in irgendeiner Unterkunft ohne Essen. Irgendwann schafften wir es dann endlich nach Ungarn, wo wir uns über Nacht versteckten, bis es sicher war. Doch auch hier wurden wir dann an der Grenze erwischt. Von Ungarn kamen wir nach Straß für eine Nacht und anschließend ins Lager nach Wagna. Zehn Menschen teilten sich einen Raum mit Stockbetten, nicht größer als unsere Küche heute. Es war kalt und die Baracken von Wanzen und Ungeziefer geplagt. Jeden Morgen wachte man völlig zerstochen auf.

Rosalia: Auch meine Mutter verstarb in einem solchen Lager. Sie starb mit nur 36 Jahren und wurde in ein weißes Leintuch gewickelt, dann ins Massengrab gelegt. Diese Bilder vergisst man nie. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir Kinder gingen betteln, während sie im Krankenhaus lag. Doch schon damals sagte sie: „Kinder, esst ihr, ich brauche eh nichts mehr“ – und tatsächlich verhungerte sie drei oder vier Tage später. Meine Schwester, ein Baby, starb ebenfalls im Lager. Mein Papa war in russischer Gefangenschaft.

Georg: Nach diesen schwierigen Zeiten ging es bergauf. Wir lebten mit Oma und Opa im Lager. Dort gab es eine Großküche, Essen erhielt man mit Essenskarten. Da wir kein Geschirr hatten, nutzten wir leere Käsedosen, um Essen zu holen. Wir besuchten auch die Lagerschule. Nach drei oder vier Jahren kam die Lehrerin und sagte: „Eine Frau steht da draußen.“ Das war unsere Mutter, die zurückgekehrt war und wir damals kaum mehr erkannten. Unsere Mutter arbeitete dann im Landesgut und putzte nebenbei in der Bäckerei Kapaun. Unser Vater war irgendwo bei einem Bauern in Kärnten untergekommen und kehrte schließlich auch zu uns zurück.

Rosalia: Mein Vater kam 1950 aus Russland zurück. Ein Jahr lang nannten wir ihn nicht „Vater“, wir kannten ihn ja kaum. Im November 1947 kamen wir nach Wagna. In Straß verbrachten wir eine Woche. Ich war damals acht Jahre alt. Die Schwestern meines Vaters und meiner Mutter brachten uns hierher. Meine Mutter war gestorben und mein Vater war noch in Russland. Der Anfang war schwer. Wir waren arm. Im Lager gab es eine Badebaracke und wir duschten oft zu siebt oder zu acht. Aber das war alles normal für uns. An die Wanzen erinnere ich mich gut. Vor dem Schlafengehen legten wir Bohnenblätter verkehrt um uns herum, damit die Wanzen daran kleben blieben. Eines Morgens kamen die Engländer und spritzten die Baracken aus, dann waren die Viecher verschwunden. Anfangs hatten wir nur einen Raum, später zwei – ein Schlafzimmer und eine Küche. Dann war es schon angenehmer. Meine Freundin durfte dann schon bei mir übernachten und wir kochten selbst. Einen Kühlschrank gab es zuerst nicht. Wenn wir Butter oder Fleisch hatten, stellten wir es ins Fenster, damit es kühl blieb.

Georg: Mit den Buben gingen wir immer zur Sulm runter, „Stock“ genannt, das kannte jeder. Dort lernten wir schwimmen, spielten und hatten unseren Spaß. Der Silberwald war unser Zufluchtsort. Oder wir spielten Fußball beim alten Sportplatz beim Krankenhaus. Anfangs war das Lager eingezäunt. Es gab aber Löcher im Zaun, durch die die Wagna-Buben zu uns kamen. Sie waren oft bei uns, denn bei uns war immer etwas los. Es war eine unglaublich schöne Zeit, weil niemand etwas hatte. Wenn jemand ein Fahrrad hatte, wurde es geteilt. Das galt auch für einen Fußball oder Football. Jeder war viel zufriedener als heute, weil alle wenig hatten und es allen gleich ging.

So verging die Zeit. Plötzlich kauften unsere Eltern einen Bauplatz in Leibnitz. Mein Bruder und ich gruben mit unseren bloßen Händen den Keller aus und machten die Betonziegel selbst. Wir waren die letzten, die aus den Baracken auszogen – da hatten wir bereits eine halbe Baracke für uns allein zur Verfügung. Unsere Mutter ging dann beim Silberberg arbeiten, immer zu Fuß, da sie kein Fahrrad hatte. Aber es ging uns dann schon gut. Wir hatten ein Schwein und Hühner. Schließlich zogen wir in unser Haus ein. Doch ich war nicht lange im Haus, weil ich dann neun Monate beim Bundesheer war und mit 24 Jahren im Jahr 1964 meine Frau Sali heiratete. Dann zogen wir zwei schon zusammen.

Rosalia: Ich habe nachgedacht, wir waren vierzehn Jahre im Lager. Es kommt mir nicht so lange vor. Von 1947 bis 1961 – da zogen wir ins 22er-Haus. Zuerst wurde das 1er-Haus fertig, dann das 24er und schließlich unser 22er. Es ist seltsam. Die Zeit im Lager war so schön, dass manche Leute – ich lüge nicht – geweint haben, als wir in die Häuser umziehen mussten. Das alles war uns fremd, die großen Wohnungen. Früher waren die Häuser in der Föhrenbaumstraße alle von unseren Leuten bewohnt. Es gab keine fremden Leute. Heute sind viele gestorben oder ausgewandert. Jetzt sind nur noch wenige von uns hier. Wir haben vor Kurzem gezählt: Es sind heute keine zehn Familien mehr von uns aus Jugoslawien. Früher waren alle 77 Baracken voll. Es ist kaum zu glauben, aber ich lebe jetzt schon 72 Jahre in Wagna, in dieser Wohnung seit 60 Jahren. Ich bleibe in Wagna, hier habe ich meine Freunde und alles, was ich brauche.


Rosalia und Georg Divo

sind 1939 und 1940 im ehemaligen Jugoslawien geboren. Nachdem sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sind sie beide – unabhängig voneinander – im Jahr 1947 ins Lager nach Wagna gekommen und haben bis zur Auflösung hier gelebt. Noch heute leben sie in einer Wohnung in der Föhrenbaumstraße in Wagna.

Rosalia und Georg Divo empfangen mich am 25. Februar 2022 sehr herzlich in ihrer Wohnung in der Föhrenbaumstraße. Sie haben ein paar Fotos von damals herausgesucht und können mir vieles erzählen, immerhin verbindet sie mit Wagna eine lange, bewegende Geschichte, die einen traurigen Anfang hat. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Schon früh müssen sie ohne ihre Eltern auskommen. Im Lager Wagna wachsen sie, nach ihrer mühsamen Flucht aus Ex-Jugoslawien, auf. Hier verbringen sie ihre Kindheit und Jugend. Hier lernen sie sich kennen und lieben. Hier knüpfen sie Freundschaften fürs Leben. Hier leben sie bis zur Auflösung des Lagers und ziehen dann in eine der Ersatzbauten ein. Und hier wollen sie auch nicht mehr weg.


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